| Stern:
Gerade sind Sie mit ihren Robotern in der Fernsehsendung "Top of the Pops"
aufgetreten. Glauben Sie das 16jährige Zuschauer Ihre Musik verstehen? |
| Hütter:
Unsere Botschaft ist nicht altersbeschränkt. |
| Stern:
In den 70ern wurde Ihnen vorgeworfen, der Tod der Musik zu sein. |
| Hütter:
Das hat sich ja erledigt. Wir haben einer neuen Musik das Leben eingehaucht. |
| Stern:
Aber als diese neue Musik - Techno - enstand, haben Sie sich zurückgezogen
|
| Hütter:
Das stimmt nicht, wir haben unsere Musik neu programmiert. |
| Stern:
1991 erschien eine Remixplatte von Ihnen, und die letzte reguläre Platte
ist sogar 14 Jahre alt. Was treiben Sie eigentlich so die ganze Zeit? |
| Hütter:
Wir sind jeden Tag im Studio. Es gibt viel für uns zu tun: Wir sind Musikarbeiter. |
| Stern:
Es heißt, dass Sie
sich im Studio weniger mit Musik beschäftigen als vielmehr mit Ihrem Fahrrad. |
| Hütter:
Einmal im Jahr fahr ich die Bergetappe der Tour de France. Dafür muss ich
eben viel trainieren. |
| Stern:
Was machen Sie außerdem im Studio? |
| Hütter:
Wir haben unsere alten Stücke komplett digitalisiert, die sind jetzt alle
auf unserer Festplatte. Das ist unser Klangarchiv. Das wird uns überleben. |
| Stern:
Haben Sie keine Angst davor, dass Ihre Festplatten eines Tages gelöscht
werden und nichts mehr bleibt von Ihrer Musik? |
| Hütter:
Interessante Vision: Daten verschwinden, so wie die Tinte mit den Jahren
von den Blättern verschwindet. Aber dovor haben wir keine Angst. Dann müssen
andere unsere Musik neu erfinden. |
| Stern:
Früher gingen Sie in Anzügen und mit Aktenkoffern ins Studio. Und heute? |
| Hütter:
Genauso, aber statt Aktenkoffern haben wir Laptops, da müssen wir nicht
mehr so viel Papier herumtragen. |
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Stern:
Ihre Lieder hießen "Radioaktivität" und "Mensch-Maschine". Davor hatten
die Leute Angst in den 70ern, heute sind sie daran gewöhnt. Welche Titel
würden den Menschen heute Angst machen?
|
| Hütter:
Vielleicht "Computerbomben". Mit Computern lassen sich Bombenteppiche abwerfen.
Die Technik ist die gleiche, die wir zum Musikmachen benutzen. |
| Stern:
Das heißt, Sie könnten mit dem, was in Ihrem Studio rumsteht, auch Bomben
steuern? |
| Hütter:
Lassen Sie mich es so sagen: In den 70ern und den
frühen 80ern durften wir nicht mit unseren Computern nicht in die Länder
des Ostblocks reisen. Die dachten, das seien Kriegswerkzeuge. |
| Stern:
Sie haben mal gesagt, dass Sie sich nicht mehr wie Ralf Hütter fühlen, sondern
wie Kraftwerk. Wie fühlt sich das an? |
| Hütter:
In der deutschen Sprache stehen die Namen oft für den Beruf, wie bei Müller
und Bauer. Ich fühle mich nicht mehr als Herr Hütter, sondern als Herr Kraftwerk.
Ich fühle mich als Roboter. |
| Stern:
Der EXPO-Jingle, aus dem später die Single "EXPO 2000" wurde, dauert vier
Sekunden. Als Lohn dafür haben sie 400.000 Mark bekommen. Wie lange haben
Sie denn für die Herstellung gebraucht? |
| Hütter:
Das ist in Zeit nicht zu messen. Wir arbeiten nicht mit der Stoppuhr. Es
hat sicherlich länger gadauert als fünf Sekunden. |
| Stern:
Sind Sie einsam beim Arbeiten? |
| Hütter:
Es ist schön einsam zu sein. Ruhe ist wichtig, denn der Mensch ist einer
permanenten Bedrohung ausgesetzt durch Musikmüll. Deshalb fordern wir Schweigetage.
Wir gehen manchmal mit Kneifzangen herum und trennen Lautsprecherkabel durch.
Wenn wir die Musikberieselung stoppen, haben wir die Möglichkeit, den echten
Klängen zu lauschen. Wie klingen Werkzeuge, wie klingen Türen, Uhren, Autos,
Fahrräder ... |
| Stern:
Ist Ihr Düsseldorfer Studio KLING KLANG dann eine Fabrik oder eher ein Kloster? |
| Hütter:
Eine Musikfabrik, in der die Maschinen auch mal schweigen dürfen. |
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Interview
to Oliver Creutz
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