| Musik
Express - Exakt vor drei Jahren habt ihr "Mensch
Maschine" veröffentlicht. Das neue Album, auf das wir so lange warten
mußten, heißt "Computerwelt". Sicher habt ihr nicht unbewußt dieses
Thema gewählt.. ? |
| Ralf
Hütter - Wir haben ständig gearbeitet. Wir
sehen uns nicht als Musiker, die den großen Einfall haben, blitzartig und
dann sagen, "das ist es!". Wir sehen uns als Musikarbeiter. Deshalb haben
wir dieses Studio, das KlingKlang Studio, wo wir seit über zehn Jahren jeden
Tag arbeiten. Gedanken und Ideen spielen dabei auch eine bestimmte Rolle,
aber wir komponieren und spielen nicht nur, wir machen an unserer Technik
mit Hilfe von Ingenieuren ja auch alles selbst. Wir sehen uns als produktives
Team, das nicht nur Musik macht, sondern Technik, Videofilme und andere
Dinge.Wir nennen das Totalmusik. Das sind nicht nur Töne, das manifestiert
sich in einem elektronischen Lebenstil. In allen Lebensbereichen setzen
wir uns damit auseinander. An irgendeiner Stelle ergibt sich die Musik daraus
zwangsläufig und klingt dann so und nicht anders. Das ist so, wenn man sich
den ganzen Tag mit diesen elektronischen Apparaten und dem Realismus der
heutigen Zeit beschäftigt und sich darüber klar wird.Für uns steht dann
fest, das kann nur so klingen.Für uns kann 1980, '81 nur so klingen wie
"Computerwelt". Das ist wie eine Zeitmaschine, wo am Ende das
rauskommt, was wir überall mit unseren Sinnen aufgenommen und verarbeitet
haben. Es ist das zwangsläufige Ergebnis unserer Forschungsarbeit. Dabei
spielt die kreative Idee nur eine Rolle. Mit der Magnetton- und Videoaufzeichnung
kann man sich selbst erforschen, psychologisch. und wenn man da ehrlich
ist, sieht man, aus wievielen kleinen Teilchen sich alles zusammensetzt.
Den Faktor Zeit können wir dabei nicht bestimmen. Deshalb hat "Computerwelt"
so lange gedauert. |
| Musik
Express - "Computerwelt" klingt, nach
erstem Anhören, einfach. Im positiven Sinne. Kann das heißen, daß unser
Leben einfach ist? |
| Ralf
Hütter - Nein, das glaube ich nicht. Das
Leben ist nicht einfach. Aber wir stehen auf Konzentrat. Wir lieben die
geraden Linien. Kraftwerk steht für eine ziemlich geradlinige Sache, die
wir seit Jahren machen. Wir sind nicht besonders flexibel... |
| Musik
Express - ...seid
ihr stehengeblieben... |
| Ralf
Hütter - ...ich meine geradeaus nach vorn.
Für uns sieht es so aus, als ob wir uns weiterentwickelt haben. Wir wollen
unsere Musik gradlinig ohne Schnörkel spielen, weil es für uns feststeht,
daß das am schwierigsten ist. und es ist für uns so am ehrlichsten so direkt
zu spielen. |
| Musik
Express - Im gewissen Sinne wird das zur Volksmusik.
|
| Ralf
Hütter - Es wäre großartig, wenn uns das
gelänge. Elektronische Volksmusik. Das schwirrt auch in unseren Gedanken
herum, doch das ist nicht unsere Entscheidung. Wenn aber in unserer Musik
was drin ist, was die Lebenssituation des heutigen Menschen betrifft, und
das man verstehen kann, dann haben wir das Gefühl, das wir unsere Arbeit
auf der richtigen Ebene getan haben. Es geht da um Wahrheitsfindung. Wirklichkeitsfindung
für uns selbst.Es interessiert uns, was mit uns los ist. Weil wir hier leben
und ständig diesen Einflüssen ausgesetzt sind. Wir nennen diese Platte "Neue
Sachlichkeit". |
| Musik
Express - Sie klingt für mich sehr positiv! |
| Ralf
Hütter - Grundsätzlich ist unsere Lebensform
positiv. Sonst würden wir das nicht machen. "Der Rhein ist verseucht" voll
Zynismus zu sagen, "also kippe ich meinen Müll auch hinein" - das hieße
für uns mit der Arbeit aufzuhören. Denn musikalisch gesehen hieße das ja,
daß die Musikwelt musikalischer Müll ist. |
| Musik
Express - Ist
sie das nicht auch ? |
| Ralf
Hütter - Sie besteht zu einem großen Teil
aus akustischen Müll. Für uns steht fest, daß die Musikindustrie im weitesten
Sinne auch umweltverschmutzung betreibt, so wie jeder andere Industriezweig
auch. Ich glaube, es wird eine Zeit kommen - das steht für uns heute schon
fest - wo weiten Kreisen klar wird, daß man sich nicht mehrere Stunden irgendein
Zeug übers Radio ins Hirn reinbrennen lassen kann, denn das kriegt man nie
wieder raus! Was da über das unterbewußtsein reinrieselt, bleibt drin. Heute
sagt man, "was soll's, laß doch das Radio laufen!". Auch diese Art der Verschmutzung
wird sich auswirken. Wir leben nicht nur in einer Welt der physikalischen
Zerstörung, des Mißbrauchs, sondern auch die Verschmutzung der geistigen
Welt, die total mit akustischen und visuellen Müll vollgeschüttet wird,
hinterläßt Schäden. Wenn das nicht aufhört, wird es Dauerschäden geistiger
Natur geben, die vielleicht nicht mehr reparabel sind. |
| Musik
Express - Damit verlangst du, daß wir alle uns
befleißigen, die Dinge einzeln und bewußt aufzunehmen... |
| Ralf
Hütter - ...ja, bewußt aufnehmen. Sich konzentrieren.
Jeder versucht heute, sechs Sachen auf einmal zu machen... |
| Musik
Express - ...und ist auch noch stolz darauf!
Sollte man dann nicht weitergehen und die Dinge die auf den Markt kommen,
begrenzen? Aber ist das nicht ebenso gefährlich? |
| Ralf
Hütter - Die Antwort kann nur sein, daß
man dem nicht mit Zynismus begegnet und sagt,"egal, noch 'ne Müllplatte
auf den Markt!".Wir haben für uns die Erfahrung gemacht, daß man aus dem
Nichts etwas machen kann. Auf ein unbespieltes Tonband kann man was draufspielen...
Wenn man dann daran arbeitet, merkt man, wie die eigene Kreativität, die
eigene Kraft wächst. Nur durch Tun, durch Handeln. |
| Musik
Express - Die Texte auf euren Platten sind ebenfalls
auf ein Minimum reduziert. |
| Ralf
Hütter - Ja. Das sind Code-Worte, Schlüsselworte.
Weil wir auch keine Schriftsteller sind. Außerdem glauben wir, daß in Sprache,
Schrift bereits alles gesagt ist. Man glaubt nur, was man schwarz auf weiß
lesen kann. Das ist Mittelalter. Man kann auch einen Film sehen, eine Platte
hören. Bilder, die visuellakustisch transportiert werden. unsere Musik läßt
sich nicht in Worten beschreiben, nicht in einzelne Worte zusammenpressen.
Deshalb benutzen wir Worte als Klangdinge, als Gedankenstöße. und zu dieser
Platte mußten wir nicht nur die Soft-Ware, also Musik, machen, wir mußten
auch teilweise die Hard-Ware erstellen. Man kann nicht sagen, wir machen
jetzt diese Musik und spielen das alles auf der Blockflöte. "Computerwelt"
läßt sich nicht auf der Flöte darstellen. |
| Musik
Express - Wie stellt sich die "Computerwelt"
dar? |
| Ralf
Hütter - Als Realismus. Zunächst ohne Wertigkeit.
Wir versuchen das ohne Moral zu sehen, weil wir glauben, Moral kann man
sich heute überhaupt nicht mehr leisten... |
| Musik
Express - ... aber entwickelt sich nicht aus
der technisierten "Computerwelt" wieder eine neue Moral? |
| Ralf
Hütter - Mehr aus der Erkenntnis. Wir müssen
unser Leben durchsichtiger machen. Es wird doch soviel verschleiert. Keiner
soll das merken. unser Leben basiert auf Tarnung. |
| Musik
Express - Computer tragen mit ihrer Speicher-
und Abrufmöglichkeit entscheidend dazu bei. |
| Ralf
Hütter - Selbstverständlich. Deshalb machen
wir das ja auch. Wir denken, daß man mit Computern auch ganz andere Sachen
machen kann, transparente. Reproduktive Tätigkeit, mit der sich ein großer
Teil der Menschheit in der westlichen Zivilisation befaßt und Zeit verschwendet,
kann man anders nutzen. Zu mehr Kreativität, Produktivität - nicht in Sinne
von Gewinn - sondern von produktiverem Leben. Reproduktuktive Tätigkeiten
kann man einschränken. Unsere Musik hat keinen hohen Entspannungswert. Sie
ist mehr direkt, dynamisch. |
| Musik
Express - Dann ist "Computerwelt" überaus
politisch zu sehen. |
| Ralf
Hütter - Ja, ziemlich. |
| Musik
Express - Anstöße geben... |
| Ralf
Hütter - Vor allen Dingen in dem Bereich,
in dem wir tätig sind. Es gibt Leute, die sind politisch sehr aktiv, öffentlich,
den ganzen Tag politisch! Sie geben alle möglichen Sachen von sich, und
wenn sie dann sie selbst sind, in ihrer wirklichen Existenz, dann sehen
sie sich plötzlich als Cowboys. Musik ist da für mich eine Wissenschaft,
die das Privateste, Intimste im menschlichen Leben berührt. Sie gibt die
eigentlichen Schwingungen des Menschen als psychische Existenz wieder. Musik
ist eine Wahrheitsdroge. Das Tonband als Beweismittel. Man kann sich verstellen
wie man will, auch die Verstellung ist zu erkennen. Die Revolutionierung
des Lebens muß ihren Ursprung in der privaten Existenz haben. Es wird im
Medienbereich soviel gefaselt und gedudelt, aber es hat keine existentielle
Konsequenz. Wir versuchen, das zu erreichen. ob uns das gelingt, weiß ich
auch nicht. Unser Gedanke ist, das so radikal wie möglich zu verwirklichen.
Wenn unsere Musik nicht ihre Wurzeln im wirklichen Lebensstil hat, ist es
alles nur Stammtisch- unterhaltung. So sehe ich unser politisches Bewußtsein.
Daß diese radikale Haltung sich tatsächlich als Leben ausspricht. Das Abfalldenken,
das Sich- wegdenken. Das geht nicht. Ich bin hier und erlebe alles voll.
Mittendrin. Wir bauen keine Tabus auf. Wir leben in einer Computerwelt,
also machen wir ein Lied darauf. |
| Musik
Express - Der song "Taschenrechner"... |
| Ralf
Hütter - Er ist eine Menschenrechtes objekt
geworden. Dimensionen, die greifbar sind. Wir haben mit Taschenrechnern
und einer Kinderspielzeug-Miniorgel rumgebastelt. Zunächst machen wir unsere
Musik nicht gedanklich. Wir experimentieren, improvisieren. Wir können nicht
voraussehen, was da kommt. Man muß offen sein. Wir fungieren oft medial.
Sachen kommen auf uns zu, man wird selbst zum Medium. Jeder macht das, was
ihm gemäß ist. Das ergibt sich aus dem langen Zusammenleben. Jeder weiß
seine Schwächen und Stärken. Wir sprechen kaum über Sachen, Computerisierte
Abspeicherung. Töne fast für ewig abspeichern. Elektronische Bücher. Damit
beschäftigen wir uns. Wir brauchen uns nicht mehr mit reproduzierbaren Dingen
zu beschäftigen... |
| Musik
Express - hnlich wie Jazzer es tun, frei
über gewissen Schemata zu improvisieren, kreativ zu sein... |
| Ralf
Hütter - Ja, wir versuchen, die Grundstrukturen
nicht so kompliziert zu machen, damit man sich nicht darauf konzentrieren
muß, richtig zu spielen. Räume schaffen, in denen man frei arbeiten kann.
|
| Musik
Express - ... mehr verinnerlichen, ohne an Spieltechnik
denken zu müssen und Gefühle nach außen geben... |
| Ralf
Hütter - ... Durch die Computer brauchen
wir uns keine Gedanken zu machen, ob wir alles richtig spielen. Ein klassischer
Pianist muß jeden Tag fünf, sechs Stunden üben, um sich mechanisch in Form
zu halten. Das ist doch ein Witz. Der kaut wieder. Der Computer hingegen
spielt auch technisch bisher unspielbare Sachen. ( Hier teilen sich unsere
Gedanken, weil ich zum einen glaube, daß wir unser Leben nicht ohne Traditionen
leben können, also auch das herkömmliche Klavier brauchen, und daß wir,
unseren Stimmungen gemäß, eine Beethovensonate z.B. jeden Tag, ja jede Sekunde
anders spielen, da wir sie anders empfinden, da wir anders sind, andere
sind. - D. I.) Das zeigt doch, daß sich die andere Richtung, das alte Herrschaftssystem,
total zusammenbricht. Gewisse Herrschaftsstrukturen, die da sind, aufgrund
von physikalischen und mechanischen Gesellschaftsformen, werden durch ein
elektronisches Zeitalter, das jetzt beginnt, zusammenbrechen. Auch Gedankengebäude,
denn die sind noch schlimmer als physikalische. |
| Musik
Express - Was wird der Mensch dann noch für eine
Rolle spielen, welche Aufgabe hat er in diesem System? |
| Ralf
Hütter - Er muß eine neue Identität finden.
Die Figur des heutigen Herrschaftsmenschen, so wie er rumläuft, ist längst
zum Roboter geworden. Wir haben diese Stufen ja selbst erfahren. Wie wir
heute arbeiten, ist völlig anders, als noch vor wenigen Jahren. Der Gedanke
der Machbarkeit. Sofort denken, das Gedankliche in den Vordergrund stellen.
Ein Großteil der heutigen Musik sehe ich als gymnastische übungen. Da macht
einer ein Schlagzeugsolo. Da sitzt ein schwitzendes Bündel. Das ist doch
ein Witz! Eine Form körperlicher Ertüchtigung. Das Gebäude habe ich durchschaut.
Man muß in anderen Dimensionen denken. |
| Musik
Express - Heißt da, daß du das meiste, was auf
dem Musik - Markt passiert, ablehnst? |
| Ralf
Hütter - Ablehnen nicht, aber es hat für
mich überhaupt keine Bedeutung. Wunderbare Gymnastik. Was nicht heißt, daß
es besser ist, was ich mache. |
| Musik
Express - Aber
für mich gibt es Stimmungen, da will ich mich direkt körperlich von kräftiger,
herkömmlicher Rockmusik berühren lassen... |
| Ralf
Hütter - Das ist für mich kaum mehr möglich.
Das ist für mich eine faschistische Kunstform. Wo es darum geht, daß einer
oder mehrere die Herrschaft über möglichst viele Millionen Zuhörer übernimmt.
|
| Musik
Express - Das stellt sich doch auch bei euch
ein! Wenn der "Taschenrechner" in Discotheken zu hören sein wird! |
| Ralf
Hütter - Das ist das Medium. Aber wir hoffen,
daß das bei uns in einer anderen geistigen Haltung passiert. |
| Musik
Express - Ein frommer Wunsch Mögest du recht
behalten. Aber hast du in jüngeren Jahren nicht auch anders gedacht, bist
in Konzerte gegangen? |
| Ralf
Hütter - Ja, ich mache den Leuten nicht
Vorwurf, die heute in Hämmer - Konzerte gehen. Aber denen die wissen, was
da läuft. Die das gezielt verbreiten. Die wollen Herrschaft ausüben. Der
amerikanische Rockmusikmarkt! Ich bin froh, daß sich in Deutschland so viel
tut. Eine ganz neue Generation - das gibt Auftrieb. |
| Musik
Express - Zur Platte "Mensch Maschine"
wolltet ihr eine Tournee machen, die letzte lief 1976, es wurde '78 nichts
draus, warum ? |
| Ralf
Hütter - Wir haben es nicht geschafft. Wir
wollen keine halbfertigen Dinge machen. Wir hatten die Idee mit der Computer
-Schaltzentrale. Das mußten wir bis zum Ende durchentwickeln. Jetzt ist
es soweit und wir gehen weltweit auf Tournee. Von Ende April bis in den
Juli hinein. |
| Musik
Express - Was werdet ihr auf der Bühne spielen,
was wird technisch passieren ? |
| Ralf
Hütter - Wir spielen gesammelte Werke. Konzepte
in variierter Version. Wir spielen nicht reproduktiv, sondern alles so,
wie wir es heute fühlen. |
| Musik
Express - Warum macht ihr Konzerte ? |
| Ralf
Hütter - Es geht eine Form von Energie von
Menschen, die sich an einem Ort befinden, aus. Wir als Batterien, die sich
aufladen, entladen. Da kommen Energieströme zusammen, die für uns wichtig
sind. Wenn man das allerdings zuviel macht, stumpft das ab. Durch solche
Reizüberflutung fliegt man hinterher weg. Auf der Bühne spielen ist auch
eine Form des Sich-Findens. Aber anschließend müssen wir uns wieder zentrieren.
Wir brauchen keinen urlaub, wir arbeiten dann wieder im KlingKlang Studio. |
| Musik
Express - Danke Ralf, es war ein sehr interessantes
Gespräch ! |
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| Interview
to Dankmar Isleib - 1981 |
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