| Sound
Check: Mit Fritz Hilpert und dem Portugiesen Fernando Fromm-Abrantes
sind anstelle von Wolfgang Flur and Karl Bartos zwei Neue bei Kraftwerk
aktiv. Vor wenigen Tagen kursierten sogar Auflösungsgerüchte... |
| Ralf
Hütter: Ach was, das ist alles Quatsch! Das ist Blödsinn.
Nein, das waren einfach irgendwelche früheren Mitarbeiter von uns. Seit
23 Jahren arbeiten Fliroan Schneider und ich zusammen, immer mit verschiedenen
Mitarbeitern und Musikern - ich weiß gar nicht, wieviele. Und jetzt sind
es ein Computeringenieur und ein anderer Musiker, und vielleicht machen
wir irgendwann mit noch mehr Musikern. |
| Sound
Check: Was steht denn bei Kraftwerk so alles auf der Bühne? |
| Ralf
Hütter: Wir haben die neueste Studio technologie vorrätig,
also Tapeless Studio - keine Bänder mehr. Es geht nur noch computergesteuert,
Optical Disc Drive, Synclavier und dann verschiedene Racks mit Klangbearbeitungsgeräten... |
| Sound
Check: Zum Beispiel? |
| Ralf
Hütter: Ich bin da nicht der Ingenieur - das ist der Musikingenieur
- also Klangverfremdungen, Modulationen, Echos, Räume, Raumklänge, Sequenzer. |
| Sound
Check: Aber es besteht immer noch die Möglichkeit einzugreifen? |
| Ralf
Hütter: Ja, ja. Es läuft nur ein Arrangement, können wir
abrufen, und das können wir addieren oder auch reduzieren. Ich glaube, das
wird auch deutlich, dann greifen wir plötzlich ein, und dann kommen neue
Events. Oder eben wie bei "Taschenrechner" - da haben wir alle so Miniatur-Elektronik,
so Mini-Mini-Keyboards, mit dem man auch alle Klänge ansteuern kann, oder
meine Kollegen eben auch andere Mini-Steuereinheiten, wo sie auch Klänge
abrufen können oder nicht. Damit kann man rumwandern, darin ist auch eine
gewisse Spontaneität enthalten. |
| Sound
Check: Welche Rolle kommt dabei dem Publikum zu? |
| Ralf
Hütter: (überlegt lange) Irgendjemand hat mal gesagt, wir
bringen unsere Musik dar als dreidimensionales Kino, also Kino plus Darsteller
vor der Leinwand. Das läuft also doch schon ziemlich in sich geschlossen
ab - es ist also nur eine Präsenz. Die Vibrationen von so einem Publikum
in London, also die Begeisterung, das kommt natürlich schon rüber. |
| Sound
Check: Juckt es da nicht auch mal, selbst mitzugrooven oder mitzutanzen?
Es ist ja doch kaum Bewegung auf der Bühne? |
| Ralf
Hütter: Das geht nicht, weil man dann die Feinregulierung
unserer Knöpfe verpaßt. Man würde die falschen Tasten treffen, da sind ja
teilweise sehr kleine dabei. Das ist wie bei der Fliegerei, Bei einem computergesteuerten
Jumbo-Jet kann man wahrscheinlich nicht so wild am Ruder reißen wie bei
einem kleinem Sportflugzeug. |
| Sound
Check: Was war eigentlich der Anlaß, wieder mal etwas zu machen?
Das letzte Album kam 1986 heraus, die letzte richtige Tournee gab's 1981.
Jetzt gibt es "The Mix", gewissermaßen die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit
mit heutigen Mitteln - hatte das einem konkreten Auslöser? |
| Ralf
Hütter: Nein, wir arbeiten ja täglich im Kling Klang Studio,
immer an dieser Sache, dem Kraftwerk-Konzept. Jetzt haben wir unser gesamtes
Misukprogramm auf digitale Ebeneumgespeichert. Es gibt keine Bänder mehr.
Das ist sehr zeitintensiv, und wir haben die Computer programmiert im Hinblick
auf diese Performance oder diese Konzerte. Bei dieser Arbeit haben wir eben
die Stücke umprogrammiert und in neuer Version gemacht. "The Mix" ist ja
praktisch wie ein Live-Album, weil das ja auch die Tätigkeit ist, was wir
so live machen, Mix und Klänge gestalten und zuordnen. Dieses Konzept "Mix"
ist praktisch eine Live-Platte, eben, wie wir das im Konzert machen, obwohl
sich das inzwischen auch schon wieder verändert hat. Ist ja auch schon hörbar
verändert. |
| Sound
Check: Den Begriff Song magst Du ja im Zusammenhang mit Kraftwerk
nicht... |
| Ralf
Hütter: Nein, da denke ich immer an diesen Minnesänger.
Es ist eher Komposition, ein Zusammenfügen von Klängen. |
| Sound
Check: Also Klangkomposition, wie Du es lieber nennst? |
| Ralf
Hütter: Ja, Klänge zusammenfügen, das trifft die Sache ziemlich.
Dann tauchen ja bei uns verschiedene Stimmen auf, Computerstimmen, die singende
Schreibmaschine oder phonetische Stimmen, künstliche Stimmen, komplett synthetische
Stimmen von nicht existierenden Persönlichkeiten, und ich mache da mit meiner
Stimme die quasi menschliche Stimme, so eine Art Sprechgesang. |
| Sound
Check: Nach Abschluß der Arbeit an "The Mix" hast Du weitere
Mixe in New York und London gemacht. Ist das der kosmopolitische... |
| Ralf
Hütter: Ja! |
| Sound
Check: Anspruch, den die Band für sich erhebt? |
| Ralf
Hütter: Nein, der ist ja da. Und heute mit Data-Transfer
und Modem - da klinkt man ein und kann die Klänge direkt rüberschicken,
Notizen rüberfaxen, Telefon abspielen, auch schon mal in etwa Mixes überspielen,
mithören, ein Kommunikationsmedium. Das ist eben phantastisch, daß man das
heute so machen kann. Man muß da nicht mehr so viel rumschleppen. |
| Sound
Check: Kraftwerk hat eigentlich immer futuristische Musik gemacht... |
| Ralf
Hütter: Gegenwart der Zukunft! |
| Sound
Check: Wie sieht die Gegenwart der Zukunft Anfang der 90er Lahre
aus? Wo oder wie siehst Du die Zukunft, die Kraftwerk ja wahrscheinlich
wieder vorwegnehmen wird? Gibt es da schon irgend eatws in Deinem Kopf? |
| Ralf
Hütter: Im Moment ist es noch so embryonal, ich kriege es
noch nich so ganz - aber ich spüre schon, daß da wieder was irgendwie angeflogen
kommt. Es ist auf jeden Fall sehr aufregend, heutzutage Musik zu machen,
wo diese ganzen Zugänge da sind für jemand, der damit arbeitet. Vor 100
Jahren z.B. mußte man Orchester haben mit vielen Leuten uns Fürsten, die
das bezahlt haben - in der Situation eines kreativen Menschen (von damals)
möchte ich nicht gewesen sein, während heute - durch die Kompaktgeräte und
die neuen kleinen Geräte, die auch relativ preiswert sind, kann man schon
leicht Zugang finden, kann man auch schon beginnen und irgendwie loslegen,
das machen ja auch unheimlich viele, so Heimmusik. Man muß einfach nur offen
bleiben für Ideen - die Welt der Ideen! |
| Sound
Check: Es hat sich in den zehn Jahren seit der letzten Kraftwerk-Tour
technisch ungeheuer viel getan. Was hat es der Band gebracht, wir beurteilst
Du diese Entwicklung? |
| Ralf
Hütter: Es ging generell vom analogen ins digitale Klangmedium. |
| Sound
Check: Aber ihr arbeitet auch immer noch mit analogen Sounds? |
| Ralf
Hütter: Natürlich. Wir haben unsere ganzen verschiedenen
Kraftwerk-Synthesizer aus den einzeln Phasen. Und so haben wir eine Sammlung
von Kraftwerk-Synthesizern durch alle Phasen hindurch, und heute sind die
teilweise wieder sehr wertvoll geworden. |
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Interview
to Philipp Roser
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