Sound Check Magazine - Ralf Hütter - September 1991
Sound Check: Mit Fritz Hilpert und dem Portugiesen Fernando Fromm-Abrantes sind anstelle von Wolfgang Flur and Karl Bartos zwei Neue bei Kraftwerk aktiv. Vor wenigen Tagen kursierten sogar Auflösungsgerüchte...
Ralf Hütter: Ach was, das ist alles Quatsch! Das ist Blödsinn. Nein, das waren einfach irgendwelche früheren Mitarbeiter von uns. Seit 23 Jahren arbeiten Fliroan Schneider und ich zusammen, immer mit verschiedenen Mitarbeitern und Musikern - ich weiß gar nicht, wieviele. Und jetzt sind es ein Computeringenieur und ein anderer Musiker, und vielleicht machen wir irgendwann mit noch mehr Musikern.
Sound Check: Was steht denn bei Kraftwerk so alles auf der Bühne?
Ralf Hütter: Wir haben die neueste Studio technologie vorrätig, also Tapeless Studio - keine Bänder mehr. Es geht nur noch computergesteuert, Optical Disc Drive, Synclavier und dann verschiedene Racks mit Klangbearbeitungsgeräten...
Sound Check: Zum Beispiel?
Ralf Hütter: Ich bin da nicht der Ingenieur - das ist der Musikingenieur - also Klangverfremdungen, Modulationen, Echos, Räume, Raumklänge, Sequenzer.
Sound Check: Aber es besteht immer noch die Möglichkeit einzugreifen?
Ralf Hütter: Ja, ja. Es läuft nur ein Arrangement, können wir abrufen, und das können wir addieren oder auch reduzieren. Ich glaube, das wird auch deutlich, dann greifen wir plötzlich ein, und dann kommen neue Events. Oder eben wie bei "Taschenrechner" - da haben wir alle so Miniatur-Elektronik, so Mini-Mini-Keyboards, mit dem man auch alle Klänge ansteuern kann, oder meine Kollegen eben auch andere Mini-Steuereinheiten, wo sie auch Klänge abrufen können oder nicht. Damit kann man rumwandern, darin ist auch eine gewisse Spontaneität enthalten.
Sound Check: Welche Rolle kommt dabei dem Publikum zu?
Ralf Hütter: (überlegt lange) Irgendjemand hat mal gesagt, wir bringen unsere Musik dar als dreidimensionales Kino, also Kino plus Darsteller vor der Leinwand. Das läuft also doch schon ziemlich in sich geschlossen ab - es ist also nur eine Präsenz. Die Vibrationen von so einem Publikum in London, also die Begeisterung, das kommt natürlich schon rüber.
Sound Check: Juckt es da nicht auch mal, selbst mitzugrooven oder mitzutanzen? Es ist ja doch kaum Bewegung auf der Bühne?
Ralf Hütter: Das geht nicht, weil man dann die Feinregulierung unserer Knöpfe verpaßt. Man würde die falschen Tasten treffen, da sind ja teilweise sehr kleine dabei. Das ist wie bei der Fliegerei, Bei einem computergesteuerten Jumbo-Jet kann man wahrscheinlich nicht so wild am Ruder reißen wie bei einem kleinem Sportflugzeug.
Sound Check: Was war eigentlich der Anlaß, wieder mal etwas zu machen? Das letzte Album kam 1986 heraus, die letzte richtige Tournee gab's 1981. Jetzt gibt es "The Mix", gewissermaßen die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit mit heutigen Mitteln - hatte das einem konkreten Auslöser?
Ralf Hütter: Nein, wir arbeiten ja täglich im Kling Klang Studio, immer an dieser Sache, dem Kraftwerk-Konzept. Jetzt haben wir unser gesamtes Misukprogramm auf digitale Ebeneumgespeichert. Es gibt keine Bänder mehr. Das ist sehr zeitintensiv, und wir haben die Computer programmiert im Hinblick auf diese Performance oder diese Konzerte. Bei dieser Arbeit haben wir eben die Stücke umprogrammiert und in neuer Version gemacht. "The Mix" ist ja praktisch wie ein Live-Album, weil das ja auch die Tätigkeit ist, was wir so live machen, Mix und Klänge gestalten und zuordnen. Dieses Konzept "Mix" ist praktisch eine Live-Platte, eben, wie wir das im Konzert machen, obwohl sich das inzwischen auch schon wieder verändert hat. Ist ja auch schon hörbar verändert.
Sound Check: Den Begriff Song magst Du ja im Zusammenhang mit Kraftwerk nicht...
Ralf Hütter: Nein, da denke ich immer an diesen Minnesänger. Es ist eher Komposition, ein Zusammenfügen von Klängen.
Sound Check: Also Klangkomposition, wie Du es lieber nennst?
Ralf Hütter: Ja, Klänge zusammenfügen, das trifft die Sache ziemlich. Dann tauchen ja bei uns verschiedene Stimmen auf, Computerstimmen, die singende Schreibmaschine oder phonetische Stimmen, künstliche Stimmen, komplett synthetische Stimmen von nicht existierenden Persönlichkeiten, und ich mache da mit meiner Stimme die quasi menschliche Stimme, so eine Art Sprechgesang.
Sound Check: Nach Abschluß der Arbeit an "The Mix" hast Du weitere Mixe in New York und London gemacht. Ist das der kosmopolitische...
Ralf Hütter: Ja!
Sound Check: Anspruch, den die Band für sich erhebt?
Ralf Hütter: Nein, der ist ja da. Und heute mit Data-Transfer und Modem - da klinkt man ein und kann die Klänge direkt rüberschicken, Notizen rüberfaxen, Telefon abspielen, auch schon mal in etwa Mixes überspielen, mithören, ein Kommunikationsmedium. Das ist eben phantastisch, daß man das heute so machen kann. Man muß da nicht mehr so viel rumschleppen.
Sound Check: Kraftwerk hat eigentlich immer futuristische Musik gemacht...
Ralf Hütter: Gegenwart der Zukunft!
Sound Check: Wie sieht die Gegenwart der Zukunft Anfang der 90er Lahre aus? Wo oder wie siehst Du die Zukunft, die Kraftwerk ja wahrscheinlich wieder vorwegnehmen wird? Gibt es da schon irgend eatws in Deinem Kopf?
Ralf Hütter: Im Moment ist es noch so embryonal, ich kriege es noch nich so ganz - aber ich spüre schon, daß da wieder was irgendwie angeflogen kommt. Es ist auf jeden Fall sehr aufregend, heutzutage Musik zu machen, wo diese ganzen Zugänge da sind für jemand, der damit arbeitet. Vor 100 Jahren z.B. mußte man Orchester haben mit vielen Leuten uns Fürsten, die das bezahlt haben - in der Situation eines kreativen Menschen (von damals) möchte ich nicht gewesen sein, während heute - durch die Kompaktgeräte und die neuen kleinen Geräte, die auch relativ preiswert sind, kann man schon leicht Zugang finden, kann man auch schon beginnen und irgendwie loslegen, das machen ja auch unheimlich viele, so Heimmusik. Man muß einfach nur offen bleiben für Ideen - die Welt der Ideen!
Sound Check: Es hat sich in den zehn Jahren seit der letzten Kraftwerk-Tour technisch ungeheuer viel getan. Was hat es der Band gebracht, wir beurteilst Du diese Entwicklung?
Ralf Hütter: Es ging generell vom analogen ins digitale Klangmedium.
Sound Check: Aber ihr arbeitet auch immer noch mit analogen Sounds?
Ralf Hütter: Natürlich. Wir haben unsere ganzen verschiedenen Kraftwerk-Synthesizer aus den einzeln Phasen. Und so haben wir eine Sammlung von Kraftwerk-Synthesizern durch alle Phasen hindurch, und heute sind die teilweise wieder sehr wertvoll geworden.
Interview to Philipp Roser


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Updated: November 25, 2007