Keyboards Magazine - Ralf Hütter - July 1987
Ralf Hütter: Also, um das gleich vorweg zu sagen, für Studiotechnik bin ich nicht der Richtige.
Keyboards: Wir haben in unserem Vorgespräch übers Radfahren gesprochen, über die single "Tour de France" und über die Tatsache, daß ie mehr war als bloße Hommage.
Ralf Hütter: Ja, wir trainieren immer Rennrad, aber da wir die "Tour de France" so nicht mitfahren können, haben wir das musikalisch in dieser Phantasie ausgelebt.
Keyboards: Fahren alle Kraftwerker Rennrad? Ich habe da was von 75 Kilometer zum "Einrollen" gehört.
Ralf Hütter: Ja, das sind erste Trainingsgrößen. Im Sommer, wenn wir eingefahren sind, werden das 200 Kilometer. Da wir für die Musik immer in künstlichen Umgebungen arbeiten - im Studio bei Neonlicht und mit elektronischen Geräten - bildet das Rennradfahren einen perfekten Ausgleich: Mit dem Körper an der Luft, Physik.
Keyboards: Der Begriff "Menschmaschine" hat im Kraftwerk-Vokabular ja eine wichtige Bedeutung. Wird man auch beim Radfahren zu einer Menschmaschine?
Ralf Hütter: Ja, man wird zu einer harmonischen Einheit mit seinem Rennrad, seinem Musikgerät. Dazu gehört sehon eine Art Hingabe. Nach 100 bis 150 Kilometern hat man sich schon recht freigefahren. Dann fährt man automatisch: Es fährt.
Keyboards: Zurück zur Musik, Eine Frage, die ihr besummt schon häufiger gehört habt, Warum hat es mit "Electric Cafe" so lange gedauert?
Ralf Hütter: Die Zeitdauer hat damit zu tun, daß wir under Studio von Analog auf eine Misebung aus Digital/Analog umstellten - und außerdem an zwei Projekten arbeiteten. Das war "Tour de France" und das Album. Als wir fertig waren, haben wir uns entschlossen, das Ganze noch einmal digital aufzunehmen. Darum hat's so lange gedauert.
Keyboards: Wie lange braucht Kraftwerk, um einen Song fertigzustellen? Und kann man das in Prozentzahlen angeben?
Ralf Hütter: Nein, Wir alle merken, wann ein Stück fertig ist. Oder besser: Die Musik merkt das selbst. Die Musik bestimmt sich selbst. Wenn eltwas fertig ist, fällt uns dazu nichts mehr ein Dieser Vorgang ist sehr eindeutig. Da müssen wir uns nicht einmal mehr darüber verständigen. Das kann man nicht in Stunden ausdrücken.
Keyboards: Apropos: Wieviel Stunden arbeitet ihr in der Woche?
Ralf Hütter: Das ist schwer zu sagen: 168 Stunden. Wir sind jeden Tag im Studio - uns je nachdem, wie die Planung ist, verbringen wir dort neun bis zehn Stunden. Das ist wie eine Art Schicht oder Laborarbeit.
Keyboards: Wer ist in diesem Labor für was zuständig?
Ralf Hütter: Das ist unterschiedlich. Das ist gemischt wie bei einem Gärtner, der mal harkt und mal sät. Kraftwerk ist eine Kooperative, wo swar jeder seine Bereiche bat, aber diese sind beweglich. Das darf nie starr werden, Denn die Gesellschaft mit ihrer Überspezialisierung ist ein schlechtes Beispiel dafür, Daß es zwischen den einzelnen Bereichen keine Verständigung mehr gibt. Ein Filmemacher kann nicht mehr mit einem Dichter sprechen, ein Musiker nicht mehr mit einem Maler. Das its doch völliger Quatsch. Darum arbeiten wir auch mit verschiedenen Sinnen. Wir bestehen nicht nur aus Ohren. Das bedeutet: Videos, Graphisches...
Keyboards: Um einen modernen Gemeinplatz zu gebrauchen: Multimedia?
Ralf Hütter: Ja, richtig. Wir wollen uns nicht selbst einsperren. Das liegt ins nicht.
Keyboards: Welches Verhältnis hast du, habt ihr zu Mensch und Maschine?
Ralf Hütter: Also das ist mein alltägliches Feld, mein tägliches Umfeld. Ich bin da eigentlich integriert. Das "Menschmaschine" Album ist vor gut zehn Jahren entstanden - auch als Gegenstück zu den Mythen der Musikwelt, die immer von fernen Reisen, Abenteuern u.a. erzählt. Wir zogen es vor, vondem zu berichten, was wir erfahren hatten. Darauf konzentrierten wir uns. Das bedeutet: Kein musikalisches Road Movie über einen imaginären Trip in die S¨dsee, sondern die Auseinandersetzung mit den Maschinen, mit denen man arbeitet.
Keyboards: Maschinen sind also ein integraler Bestandteil deines Lebens?
Ralf Hütter: Ich Würde sagen: Unser aller Leben. Schau dich um. Wo gibt es keine Maschinen?
Keyboards: Empfindest du Maschinen nie als Bedrohung?
Ralf Hütter: In dem Moment, wo die Maschine als Waffe auftaucht, ist sie auch eine Bedrohung. Aber das ist ja eine ganz andere weltanschauliche Perspektive, Wir arbeiten mit Tonbändern, Mikrofonen, Kopfhörern - und zu diesen Dingen haben wir ein fast freundschaftliches Verhältnis. Ich halte nichts von der Philosophie der Angst.
Keyboards: Könnte man sagen: Ihr beseelt die Maschinen?
Ralf Hütter: Ja, aber die Maschinen beseelen auch uns. Die sind auch zu uns freundlich. Sie schenken uns Ergebnisse in Form von Musik.
Keyboards: Ohne zu weit ausholen zu wollen, aber im abendländischen Denken, in der abendländischen Philosophie hat man Instrumente immer als etwas außer uns empfunden. Der Mensch benutzt und kontrolliert mittels Instrumenten.
Ralf Hütter: Ja, aber diese Art Herrschaft wollen wir nicht. Das Wort "benutzen" benutzen wir nicht. Wir streben eine Art Harmonie an, eine Symbiose. Ein Zusammenleben von Mensch und Maschine. Alles andere ist Quatsch. Wo wären wir denn jetzt?
Keyboards: Aber was ist mit Maschinen, die ihr selbst entwickelt habt - nimm z.B. die singende Schreibmaschine?
Ralf Hütter: Ja, was? Die singt, die singt wunderschön - und das freut uns immer wieder!
Keyboards: Aber hat der Erfinder, Macher oder Urheber nicht eine gewisse Macht über das, was er gemacht hat?
Ralf Hütter: Nein, in diesem Fall nicht. Wir haben die singende Schreibmaschine ja auch nicht erfunden - wir haben uns mit ihr angefreundet. Wir haben bestimmte Programme mit anderen Computerspezialisten weiterentwickelt, und insofern sind wir gedanklich daran beteiligt. Das ist unsere Richtung: In einem harmonischen Umfeld Lebensformen herstellen. Deswegen bringen wir eine Schreimaschine zum Singen.
Keyboards: Schon vor Jahren habt ihr prophezeit, daß herkömmliche Instrumente wie Bass, Gitarre, etc..., irgendwann einmal ersetzt oder abgeschafft wereden. Zum Teil hat euch die Entwicklung recht gegeben, zum anderen Teil nicht...?
Ralf Hütter: Ich finde, diese Entwicklung ist schon seit Jahren abgeschlossen. Ein Symphonieorchester hat für mich z.B. absolut musealen Charakter. Wie die da in ihren Anzügen sitzen und Holzinstrumente bin und herschieben, das sind für mich Wachsfiguren und Roboter. Diese Orchester bestehen nur noch, weil sie von Institutionen getragen werden.
Keyboards: Ist denn auch populäre Musik, die mit herkömmlichen Instrumentarium angefertigt wird, museal?
Ralf Hütter: Die Musik, die du beschreibst, gibt es eigentlich gar nicht mehr. Selbst wenn einer auf der Gitarre spielt, dann wird das im Studio hochelektronisch aufgenommen, digital aufgenommen, gesampelt, rhythmisch korrigiert, verändert... Wie kann man da von herkömmlich reden. Die Gitarre wächst nicht auf dem Baum, obwohl sie aus Holz besteht. Das ist ein hochtechnisiertes Instrument. Die Spielweise ist jadoch aus dem Mittelalter. Uns interessieren mehr Klänge, Egal wie die gespielt wereden. Wir sind keine Instrumentalisten, die spielmannsmäßig an der Instrumentenhandhabung interessiert sind.
Keyboards: Du selbst hast zehn Jahre Klavier gespielt?
Ralf Hütter: Ja, früher in meiner Kindheit. Damals hat man halt ingerdein Instrument gelernt.
Keyboards: Hat denn die sensitive Erfahrung des Klavierspielens, der Anschlag, der Druck auf die Tasten etc... noch eine Entsprechung, wenn man Maschinen "handeb".
Ralf Hütter: Die sensitive Erfahrung ist sogar noch größer,weil man mehr Klänge zur Auswahl hat. Außerdem herühre ich ja auch die Maschine - Knöpfe, Schalter, Tasten. Mit diesen elektronischen Instrumenten kann man ja alles spielen. Die einzige Grenze liegt in der Kreativität desjenigen, der vor der Maschine sitzt. Es geht nicht mehr um's Spielen. Wenn ich will, programmiere ich den "Minutenwalzer" so, daß er in 59 Sckunden oder in einer halben Minute gespielt wird. Dieses ganze mechanistische Zeug aus der Vergangenheit ist überhaupt kein Thema mehr.
Keyboards: Ist Kraftwerk demnach ein Ensemble, das zeitgemäß arbeitet?
Ralf Hütter: Das versuchen wir, Ich kann da schwerlich etwas behapten oder postulieren. Ich kann das auch nicht beurteilen. Aber ich weiß: Unser Interesse gilt der Gegenwart und der Zukunft, Nicht der Vergangenheit.
Keyboards: Man weiß: Kraftwerk waren national und international wegweisend, bahnbrechend. Glaubst du, daß "Electric Cafe" ähnlich innovativ ist wie = sagen wir - "trans Europa Express"?
Ralf Hütter: Irgendwie schon! Aber ich kann das jetzt noch nicht sagen, weil "Electric Cafe" noch zu jung ist. Wir haben gerade einen Remix von "Telefon" gemacht. Darum ist es schwer, diese LP einzuordnen. Das einzige, was ich sagen kann: "Electric Cafe" hat eine spielerische Komponente.
Keyboards: Klassische und populäre Musik haben weil mehr melodische Anteile als die Kraftwerk-Musik, die sehr rhythmisch orientiert ist.
Ralf Hütter: Das kommt von den Maschinen. Die haben eine Art eingebauten, wiederholbaren Rhythmus, der uns immer sehr fasziniert hat. Nach fünf Sekunden verliert man erst einmal das Interesse, aber nach fünf Minuten wird's wieder interessant. Das, was man vielleicht abschätzig "Monotonie" nennt, geht in ein anderes Wesen über. Das ist ähnlich wie beim Radfahren: Hinter dem augenblicklichen Reiz offenbart sich ein anderes Wesen. Die Wiederholbarkeit - beim Rhythmus der Maschinen und beim Radfahren - ist befreiend. Das Monotone, Repetitive fanden wir immer toll.
Keyboards: Hast du den Eindruck, daß sich in den Jahren die Behandlung der Stimme in der Kraftwerk-Musik verändert hat?
Ralf Hütter: Verändert eigentlich nicht! Das ging bei "Autobahn" los mit den Vokodern und Radiostimmen und ziebt sich seitdem durch alle unsere LPs. Wir arbeiten auf verschiedenen Ebenen mit Stimmen - als Gesang, als Lautmarelei, als Sprache, Mal Japanisch, mal Polnisch oder mal Italeienisch... Außerdem setzen wir die Stimme auch als Instrument ein in der Form von Sprachkürzeln. Stimme als lautmalerische Orchestrierung, als rein rhythmische Klangeinheit.
Keyboards: Habt ihr euch mit New Age-Musik beschäftigt?
Ralf Hütter: Nicht direkt! Wir arbeiten immer an verschiedenen Konzepten und Projekten gleichzeitig. Um "Electric Cafe" zu Ende zu bringen, haben wir z.B. die Arbeit an der Musik für den "Tour de France" Film erstmal zurückgestellt. Zur Zeit sind wir mehr interessiert an der dynamischen Komponente. Wenn wir uns mit ruhenden, schwebenden Klängen auseinandersetzen, wäre dafür ein konzeptionelles Umdenken erforderlich.
Keyboards: Kraftwerk ist ein Quartett. Ist es mehr als Zufall, daß gerade diese vier Leute zusammengefunden haben, und hat es lange gedauert, bis diese vier Menschen sich musikalisch verständigen konnten?
Ralf Hütter: Ja, das hat schon lange gedauert. Aber je länger man damit fortschreitet, desto eher erkennt man Gleichgesinnte. Anders würde man das auch gar nicht aushalten.
Keyboards: Mit Florian arbeitest du seit 1968 - zuerst in der "Organisation", später dann bei "Kraftwerk". Muß man sich nach so vielen Jahren überhaupt noch unterhalten?
Ralf Hütter: Eigentlich nicht! Wenn wir Musik machen, geht das so. Oder wir sprechen im Kürzeln. Wir haben auch - ich will nicht sagen - eine Geheimsprache, aber ein eigenes Idiom. Wenn ich "Boing" sage, antwortet Florian "Boom" und Wolfgang sagt "Tschak" usw. Jedem fällt zu jedem etwas ein. Es sind schon des öfteren Anfragen gestellt worden bezüglich der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Aber wir sind so miteinander beschäftigt, daß dies überhaupt nicht geht. Wir taugen nicht zur Zusammenarbeit. Im Moment könnten wir jedenfalls nicht mit anderen Figuren Zusammenarbeiten.
Keyboards: Gibt es eine Philosophie hinter Kraftwerk? Wo sind eure Ressourcen?
Ralf Hütter: Unsere Ressource ist die tägliche Arbeit. Wir sind sehr stark von unserem industriellen Alltag geprägt. Wenn wir z.B. in Italien leben würden, klängen wir schon anders. Kraftwerk ist ein ganz bestimmter Sound als Düsseldorf - ein Sound allerdings, der auch in Chicago oder New York verstanden wird. Wir haben auf der ganzen Welt gespielt und werden verstanden, weil der Sound, den wir uns geschalfen haben, elementar ist.
Keyboards: Eine altbekannte Sache: Nabezu jede englische, deutsche oder amerikanische Synthesizerband nennt Kraftwerk als Einfluß, Zeitweise standen drei Kraftwerk-Alben in den englischen Charts. Gegenfrage: Wer hat euch beeinflußt?
Ralf Hütter: Od, das ist schon so lange her - das weiß ich nicht mehr! Letztlich kann mich alles beeinflussen: Ein neues Kassetengerät, eine bestimmte Art der Verkabelung, eine Rückkopplung, ein Geräusch... Wir sind da vollkommen offen.
Keyboards: Hat euch nicht seinerzeit der Kubismus oder "Metropolis" von Fritz Lang inspiriert?
Ralf Hütter: Ja, das war vor zehn Jahren bei dem "Menschmaschine" Album. Damals haben wir eine bestimmte Phase durchlaufen. Es gab eine Art geistiger Verwandtschaft zu dem Strömungen außerhalb der Musik. Popmusik war für uns immer cher... hm... reaktionär. Thematisch war das alles recht verstämmelt...
Keyboards: Meinst du solche Generalthemen wie "Sex, drugs & Rock'n'Roll"?
Ralf Hütter: ...ja! Das mag ja beim ersten Mal ganz spannend sein, aber wenn man jahrelang darauf herumreitet, wird's langweilig. Wie ich schon sagte. Wir haben mehr als ein Sinnesorgan, Auge, Nase, Tastsinn... Wir wollten unsere Wahrnehmung nicht selbst beschränken und haben uns deshalb mit bildender Kunst, mit Film und anderen Medien auseinandergesetzt.
Keyboards: Wenn man die Titel eurer Alben anschaut - "Trans Europa Express", "Die Mensch Maschine" usw. - dann denkt man unwillkürlich an Konzeptideen. Ist das richtig?
Ralf Hütter: Ja! Dahinter steckt eine symphonische Idee. Wir finden es total beschränkt in der Popmusik, daß alles in drei Minuten zu geschehen hat. Das ist völlig künstlich und zielt nur darauf ab, daß so und so viele Songs in eine Rundfunkstunde passen. Für uns hat das keinen Sinn. Okay, wenn wir Gedanken haben, die man in drei Minuten ausdrücken kann, dann gut. Aber manche Sachen, wie "Trans Europa Express", dauern 13 Minuten, live sogar 20 Minuten. Und dann interessiert uns eine solche Begrenzung nicht.
Keyboards: "Autobahn" dauert ja auch recht lange, ca. 22 Minuten.
Ralf Hütter: Ja, genau - das hängt davon ab, ob viel Verkehr ist, wie schnell wir fahren, ob LKWs, Motorräder oder Geisterfahrer unterwegs sind, ob es Geschwindigkeitsbeschränkungen gibt, Das fließt ja alles. Wie kann man Musik, die Kunst der Zeit, einordnen oder stoppen wollen. Das hat uns immer geärgert.
Keyboards: Sind Kraftwerk-Stücke Ausschnitte aus einem Kontinuum?
Ralf Hütter: Ja, Irgendwann mal wird die rote Aufnahme-Taste gedrückt und dann wird ein Teil eines großen Ganzen festgehalten. Das ist ja gerade das, was Musik so interessant macht: sie verändert sich ständig. Sie kann nie gleich sein. Eine andere Stadt, eine andere Akustik, ein anderes Frühstück, ein anderer Tag.
Keyboards: Gibt es Musik, die euch interessiert?
Ralf Hütter: Wenn wir ausgehen und tanzen, dann hören wir schon einmal Musik. Aber ich besitze z.B. kein Radio, keinen Plattenspieler, Wenn Musik Teil der akustischen Umwelt ist, dann nehme ich sie wahr.
Keyboards: Ihr habt seinerzeit mal Modelle von euch anfertigen lassen, die euch auf der Bühne "vertreten" haben. War das ein bewußter Akt der Depersonalisierung.
Ralf Hütter: Ja - diese Puppen sind viel geduldiger als wir bei Fotosessions. Die können stundenlang stillstehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie können zurechtgemacht und geschminkt werden. Das ist so eine Art Arbeitsteilung. Denn wir hätten niemals diese Geduld. Zur Zeit existieren je zwei Figuren. Mittlerweile haben wir kleine Motoren eingebaut, damit sie sich auch bewegen können. Währenddie Roboter vor Kameras posieren, könner wir im Studio arbeiten. Die reisen auch mit uns und lösen sehr viel Zuneigung aus. Sie sind umarmt worden...
Keyboards: Ihr seid lange Zeit nicht live aufgetreten. Was reizt euch, wieder auf der Bühne zu erscheinen?
Ralf Hütter: Wir sind nicht aufgetreten, weil wir uns nicht wiederholen wollten. Für Wiederholungen gibt's Tonbänder und digitale Speicher. Erst wenn wir - wie jetzt - neue Ideen entwickelt haben, reizt es uns, diese auf der Bühne weiterzuentwickeln. Darum planen wir dieses Jahr wieder aufzutreten.
Keyboards: Du hast vorhin erwähnt, daß du ein freundschaftliches Verhälmis zu Maschinen hast. Haben Maschinen auch Gedanken und Empfindungen?
Ralf Hütter: Da mußt du die Maschinen fragen.
Keyboards: Hast du jemals eine gefragt?
Ralf Hütter: Ja - also die sind zu mir sehr freundlich, denn das Verhältnis ist wechselseitig.
Keyboards: Siebst du einen Unterschied zwischen dem Gegebensein der Natur und dem Gemachtsein der Maschinen?
Ralf Hütter: Nein, nicht in dem Sinne, in dem du es erfragst, Maschinen wenden sich nicht gegen die kosmologischen Gesetze der Natur. Das Gegebensein der Natur ist ja auch nur bedingt vorbanden. Man kann nämlich auch einen Baum pflanzen und ibn "damit machen", Wenn ich Töne in unsere Klangmaschinen eingebe, werden diese Teil der Maschine und ein Kreislauf zwischen Geben und Nehmen beginnt. Ein Problem unserer Umwelt besteht darin, daß sie auf ausbeuterischen Gegensätzen beruht. Das muß scheitern.
Keyboards: Woher bezieht ihr eure Informationen? Liest du beispielsweise?
Ralf Hütter: Kaum, denn ich fühle mich nicht als Teil einer abendländischen Literaturgeschichte. Das ist uns ziemlich fremd. Unser Informationsfluß geht über andere Kanäle...
Keyboards: Bist du glücklich und glaubst du zu leben, um glücklich zu sein?
Ralf Hütter: Das ist wohl ein Weg, den man beschreiten kann. Ob man ihn immer findet, hm...Das, was ich tue, was ich weräußere, ist meine Reise. Man reist so lange, bis man umfällt. Glücklichsein ist keine Forderung, die man stellt. Das ist ein Prozeß, den man aus sich heraus fördert. Man kann sich Glück nicht zu Weihnachten wünschen. Man ist glücklich und strahlt aus.
Keyboards: Könnten normale handlungsbelastete Menschen in deinem Sinne glücklich sein?
Ralf Hütter: Das ist einer der zeitgenössischen Probleme. Arbeit im landläufigen Sinne ist das, was unglücklicht macht. Man wägt ab: soviet Schmerzensgeld für soviet Arbeit. Das hat keinen Zweck. Ich kann entweder drei oder dreißig Stunden arbeiten, Je nachdem. Man muß sich nur radikal genug dazu entschließen. Man muß dabei auch Geduld haben. In der jetzigen Situation sicht man sehr viele schmerzverzerrte Gesichter. Aber ich habe nicht die gesellschaftliche Lösung aller Probleme.
Keyboards: Wie wohnst du? Wie ein normaler Sterblicher?
Ralf Hütter: Sicher, wir sind ganz normale sterbliche Menschen. Daß ich z.B. kein Radio und keinen Plattenspieler habe, hängt mit meiner Tätigkeit zusammen. Stille wird ein sehr hoher Wert, wenn man acht, neun Stunden hört und mit den Ohren arbeitet.
Keyboards: Man spricht viel vom "video age". Kraftwerk-Musik wur schon immer sehr visuell.
Ralf Hütter: Die Visualität der Musik war schon bei "Autobahn" vorhanden. Jeder hat das schon mal gesehen. Man braucht nur durch die Windschutzscheibezu schauen. In diesem Fall kann man sich das Video zur Musik denken. Wir haben noch Filmaufnahmen, die wir irgendwann mal schneiden und auf Bildplatte herausbringen. Wenn wir bestimmte Visionen zur Musik haben, dann setzen wir sie um, wie z.B. bei dem computergenerierten Video zu "Musique Non Stop". Was man da sicht, sind reine Computeridentitäten. Unsere Daten haben Figuren hervorgebracht. Insofern altern wir auch gar nicht mehr.
Keyboards: Könnte man sich vorstellen, daß in zweihundert Jahren, wenn euer leibliches Leben schon vorbei sein wird, jemand diese Daten reaktiviert?
Ralf Hütter: Das könnte schon geschehen. Man könnte uns aus den gespeicherten Daten neu programmieren und mit diesen Figuren dann neue Dinge tun, vorausgesetzt, man kann sie animieren.
Keyboards: Gibt es im Kling Klang Studio Roboter, die eure Arbeit verrichten?
Ralf Hütter: Ja... wir! Roboter ist das russische Wort für Arbeiter.
Keyboards: Ich meine Roboter, die euch mechanistische Arbeit abnehmen.
Ralf Hütter: Das ist schon immer unser Bestreben gewesen. Darum auch die Arbeit mit technischen Robotern wie Tonband und Computer. Die entheben uns der Aufgabe, mechanistische Wiederholungsprozesse einzustudieren. Warum soo ich mich hinsetzen und irgend etwas üben, was auf einem Tonband festgehalten ist. Das ist ja schon wiederholbar. Unser Ziel: neue Kreativität, neue Musik. Das ist es, was fehlt: mehr Kreativität von mehr Menschen.
Keyboards: Ist Kraftwerk eine geniale Band?
Ralf Hütter: Das weiß ich nicht, das kann ich nicht sagen und auch nicht beurteilen. Das reflektiere ich auch nicht. Wir sind so mit dem beschäftig, was wir tun, daß wir keine Zeit haben, uns dauernd auf die Schultern zu klopfen.
Keyboards: Ihr wart jahrelang sympathisch pressescheu und habt nur ganz seben Interviews gegeben. Warum sprecht ihr jetzt?
Ralf Hütter: Wenn wir meinen, daß wir mit Worten etwas mitteilen können, geben wir Interviews. Wenn wir meinen, daß wir nichts mitzuteilen haben, schweigen wir.
Interview to Teddy Hoersch


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Updated: November 25, 2007