Musik Express Magazine - Ralf Hütter and Florian Schneider - December 1976
Ralf Hütter - Es war unsere erste Europatournee, im vergangenen Jahr haben wir nur drei Monate in Amerika gespielt. Jetzt ist Europa dran, weil es Gegenstand unseres neuen Albums "Trans Europa Express" sein wird. Und diese Tournee war sozusagen eine geistige Stimulanz für die LP.
Musik Express - Was ist euch in Amerika besonders aufgefallen?
Florian Schneider - Es hat uns erst einmal klargemacht, wo wir eigentlich herkommen, wer wir sind, und warum wir so stark auf die Leute wirken. Wir haben nämlich eine starke Wirkung festgestellt, ein grosses Erstaunen.
Ralf Hütter - Dieser wahnsinnige Abstand, über den Transatlantik zu fliegen, hat uns im wahrsten Sinne des Wortes Selbstvertrauen gegeben. Du siehst dich plötzlich selbst auf der Bühne stehen, sozusagen als Beobachter.
Musik Express - Seid ihr dadurch freier geworden?
Ralf Hütter - Etwas schon. Wir hatten es hier immer unheimlich schwer. Wir wurden zwar akzeptiert, liefen aber mit unseren Sachen überall durch. Man hat über uns immer gesagt, das sind die Spinner, die Bastelfreaks. Während uns die Leute in Amerika unmittelbar akzeptiert haben, so wie wir uns selbst akzeptieren.
Florian Schneider - Dabei war das zum Teil ein wirklich hartes Publikum, Rocker...
Ralf Hütter - ...die standen unheimlich drauf, fingen an zutanzen... das hat weitergebracht. In Deutschland hätten wir vielleicht noch lange in unseren Kämmerlein gesessen, hätten Paranoia bekommen. Dort konnten wir ganz aus uns rausgehen, und jetzt gehen wir auch immer weiter.
Florian Schneider - Unser Atem ist länger geworden, wir können mehr reinpusten.
Ralf Hütter - Wir hatten auch viele Farbige im Publikum. In Deutschland denken noch vielle, unsere Musik sei nur Kultur. Einige haben´s dort Space-Boogie oder Techno-Boogie gennant.
Florian Schneider - Und ein Typ hat mal ganz spontan gemeint, daß eines unserer Stücke so ein wildgewordener Boogie von ´ner Schreibmaschine und ´nem Staubsauger sei. Seh´ ich zum Teil auch so, da laufen richtige Comics ab, die Maschine spielt sicht selbst.
Musik Express - Ihr habt jede Menge neuer Maschinen, was steht da eigentlich alles auf der Bühne?
Ralf Hütter - Ich hab´ eine Laser-Lichtorgel. Das ist ein amerikanisches Fabrikat und besser als ein Mellotron. Du hast Lichttonplatten, die Klänge produzieren und durch Laser-Lichtdruck abgetastet werden.
Florian Schneider - Das System gibt´s natürlich schon seit den Filmzeiten.
Ralf Hütter - Und dann habe ich einen Sequenzer, eine automatische Musikmaschine, die spielt die durchlaufenden Motive.
Musik Express - Das klingt fast ein bißchen wie Hammerklavier?
Ralf Hütter - Ja, dideldum, dideldum... und dann unsere bei den kleinen Synthesizer...
Musik Express - Man hört bei euch im Gegensatz zu früher jetzt unheimlich viele Stimmen und Gesang.
Ralf Hütter - Mich interessiert vor allem die menschliche Stimme. Wir haben in den beiden letzten Jahren viel damit gearbeitet, weil wir bestimmte Motive aus der menschlichen Stimme heraus entwickeln. Auf den Lichttonplatten verwende ich nur menschliche Stimmen, manchmal Geigen... nicht mehr vie früher rein instrumentale Musik, sondern vorher aufgenommene Stimmen, Sprache, Wort, Poesie und diese sprechende Schreibmaschine.
Musik Express - Ist das diese Monsterstimme, die euch auch ankündigt?
Ralf Hütter - Ja, das ist eine völlig künstliche Stimme, eine sprechende Maschine...
Florian Schneider - Ein Sprachcomputer. Wenn du auf "a" drückst, dann sagt der "a". Die Tastatur ist erweitert, also neben den Druckbuchstaben kannst du auch Zwischenlaute formen, heller, tiefer usw.
Ralf Hütter - Und dann haben wir noch die beiden elektrischen Schlagzeuge und dieses Lichtschrankenschlagzeug.
Florian Schneider - Wenn also die Lichtschranke durchbrochen wird, dann löst das den Kontakt aus: Es trommelt. Und dann haben noch etwas selbst gebaut, eine elektronische Flöte, unsere Zauberflöte.
Ralf Hütter - Alle Instrumente, die wir mit unseren Ingenieuren entwickelt haben, sind patentiert. Wir wollen sie in Serie herstellen lassen, damit auch andere Leute damit spielen können.
Florian Schneider - Dann kannst du zu Hause elektrisches Schlagzeug spielen. Du kannst es einfach an deine Stereoanlage anschließen.
Ralf Hütter - Diese elektronischen Instrumente sind viel einfacher zu spielen, weil di eine Klangidee viel direkter umsetzen kannst. Ein Auto kannst du auf einem Klavier nicht so schnell reproduzieren.
Florian Schneider - Das ist elektronische Hausmusik, viele Leute schreiben uns, daß sie das interessiert.
Musik Express - Wie entstehen eigentlich eure Stücke?
Ralf Hütter - Im studio, durch Fummeln, Zufälle oder beim Spielen; durch gedankliche Konzeption, also Reißbrettarbeit, oder auch aufgrund reiner Ton-Fundstücke auf den Instrumenten. Oder auch in Konzerten: Da spielen wir manchmal ein Stück immer weiter, und dann wächst daraus wie ein Ast ein neues Stück.
Florian Schneider - Wir sind in einem Stadium, in dem wir praktisch alles spielen können. Es erfordert natürlich manchmal ein bißchen Zeitabstand zwischen Idee und Realisation. Aber der Weg ist mittlerweile schon sehr kurz geworden.
Musik Express - Würdet ihr es als abwertend empfinden, wenn ich eure Musik als naive Elektronik bezeichne?
Ralf Hütter - Das kann ich schwer sagen, einige nennen sie intellektuell, andere naiv...
Florian Schneider - ... simel.
Ralf Hütter - Ich glaube, sie ist alles gleichzeitig.
Musik Express - Ich finde, daß Elektronik bei euch besonders transparent und durchschaubar ist.
Ralf Hütter - Ja, transparent, das ist besser. Wir wollen auch, daß jeder einfach und direkt erkennen kann, was wir spielen. Wir wollen nicht mit diesen Mitteln etwas anderes transportieren, etwas, das hinter der bühne ist, sondern nur das, was vorn ist. Deshalb haben wir auch das Neonlicht hinter uns stehen, damit wir transparent sind.
Musik Express - Viele eurer Stücke haben als Thema Umweltgeräusche?
Ralf Hütter - Uns interessieren die Phänomene der Akustik auf der ganzen Welt, und das ist etwas, was wir jetzt vermitteln können. Am besten wäre es, wenn die Leute aus unseren Konzerten rausgehen würden und die Geräusche um sie nicht mehr als Lärm empfinden (natürlich nur solche, die nicht gehörschädlich sind), sondern als ganz normale Umweltgeräusche betrachten. Die Welt der Geräusche ist Musik.
Musik Express - Habt ihr für eure Platten immer ein bestimmtes Konzept?
Ralf Hütter - Wir machen nicht zwölf Songs, einen über Liebe, den nächsten über Hosen, den dritten über Fußball. Selbst wenn die Sachen unterschiedlich sind, Cut-ups, dann läuft dahinter immer eine rote Linie. Die ist latent immer vorhanden.
Musik Express - Auch wenn ihr Bänder laufen laßt?
Ralf Hütter - Ja, wir lassen auch Tapes laufen und Kasseten. Dann drückt einer auf die Taste und verläßt die Bühne. Wir zeigen genau, was wir machen.
Musik Express - Warum überhaupt Tonbänder?
Ralf Hütter - Ein Tonband, das ist ja auch ein Instrument, eine akustische Maschine.
Musik Express - Ihr habt inzwischen eine sehr differenzierte und ungewöhnliche Bühnenshow: Dias, den Metallkäfig, in dem ein Kopf im schwarzen UV-Licht auf und abtanzt, das Signalspiel mit den Händen, die gleichzeitig die Impulse am Lichtschranken-Schlagzeug auslösen. Plant ihr noch mehr?
Ralf Hütter - Der Mann im UV-Käfig ist der Prototyp, das haben wir zum ersten Mal auf dieser Tournee gemacht. Wir wollen es aber noch deutlicher zeigen, daß dieses so eine Art Menschmaschine ist, eine Art Ballett. Tanzen und im selben Moment durch die Bewegung Musik erzeugen, also tanzend Musik machen.
Musik Express - Ihr beschäftigt euch auffallend mit dem Radio, ich denke da nicht nur an die letzte LP.
Florian Schneider - Das ist eine Hommage an das Radio, das erste elektronische Studio, das es gab. Damals haben Leute wie Stockhausen immer direkt im Radio Musik gemacht.
Ralf Hütter - Wir haben das früher immer gehört, Nachtmusik hieß es. Und das ist auch unser Background, so sind wir darauf gekommen, eine rein elektronische Gruppe zu bilden. Im Amerika haben die Leute immer nach dem Grund gefragt, und wir sind auch erst drauf gekommen, als uns einfiel, welche Faszination diese Nachtmusik auf uns ausgeübt hat. Wenn´s ganz dunkel war, wir schon ins Bett gehen mußten und alles unter der Bettdecke aus dem Transistorradio hören konnten. Uns interessiert das Radiobewußtsein.
Florian Schneider - Und solche Sachen kann ja jeder ausprobieren. Wenn du an deinem Radio den Sender einstellst und die vorgeformte Information hörst, wie sie gewollt ist, dann brauchst du nur etwas wegzudrehen, z.B. nachts auf Kurzwelle, und schon hast du die verrücktesten Geräusche, Morsecodes, reine Klänge, das ist wahnsinnig; Radio Kairo und so weiter... Diese Idee, Platte als Radio...
Ralf Hütter - Das hat uns unheimlich fasziniert, schon immer. Wir wollten immer eine eigene... wir haben uns, Kraftwerk, im Kling Klang Studio als Radiostation gesehen. Aber in Deutschland ist das rechtlich ja nicht möglich. In Amerika haben wir Typen unserer Generation kennengelernt, die haben eigene Radiostationen, irgendwo außerhalb der Stadt in einer alten Villa. Und von dort senden sie in die Nacht hinein, gerade wie´s ihnen in den Sinn kommt, ganz direkt...
Florian Schneider - Sie haben eigene Radioprogramme...
Ralf Hütter - ... und dröhnen ihre ureigensten Gedanken einfach in den Äther... und wir sehen uns als private Radiostation.
Interview to Ingeborg Schober - 1976


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Updated: March 2, 2009