| Ralf
Hütter - Es war unsere erste Europatournee,
im vergangenen Jahr haben wir nur drei Monate in Amerika gespielt. Jetzt
ist Europa dran, weil es Gegenstand unseres neuen Albums "Trans Europa Express"
sein wird. Und diese Tournee war sozusagen eine geistige Stimulanz für die
LP. |
| Musik
Express - Was ist euch in Amerika besonders aufgefallen? |
| Florian
Schneider - Es hat uns erst einmal klargemacht,
wo wir eigentlich herkommen, wer wir sind, und warum wir so stark auf die
Leute wirken. Wir haben nämlich eine starke Wirkung festgestellt, ein grosses
Erstaunen. |
| Ralf
Hütter - Dieser wahnsinnige Abstand, über
den Transatlantik zu fliegen, hat uns im wahrsten Sinne des Wortes Selbstvertrauen
gegeben. Du siehst dich plötzlich selbst auf der Bühne stehen, sozusagen
als Beobachter. |
| Musik
Express - Seid ihr dadurch freier geworden? |
| Ralf
Hütter - Etwas schon. Wir hatten es hier
immer unheimlich schwer. Wir wurden zwar akzeptiert, liefen aber mit unseren
Sachen überall durch. Man hat über uns immer gesagt, das sind die Spinner,
die Bastelfreaks. Während uns die Leute in Amerika unmittelbar akzeptiert
haben, so wie wir uns selbst akzeptieren. |
| Florian
Schneider - Dabei war das zum Teil ein wirklich
hartes Publikum, Rocker... |
| Ralf
Hütter - ...die standen unheimlich drauf,
fingen an zutanzen... das hat weitergebracht. In Deutschland hätten wir
vielleicht noch lange in unseren Kämmerlein gesessen, hätten Paranoia bekommen.
Dort konnten wir ganz aus uns rausgehen, und jetzt gehen wir auch immer
weiter. |
| Florian
Schneider - Unser Atem ist länger geworden, wir
können mehr reinpusten. |
| Ralf
Hütter - Wir hatten auch viele Farbige im
Publikum. In Deutschland denken noch vielle, unsere Musik sei nur Kultur.
Einige haben´s dort Space-Boogie oder Techno-Boogie gennant. |
| Florian
Schneider - Und ein Typ hat mal ganz spontan
gemeint, daß eines unserer Stücke so ein wildgewordener Boogie von ´ner
Schreibmaschine und ´nem Staubsauger sei. Seh´ ich zum Teil auch so, da
laufen richtige Comics ab, die Maschine spielt sicht selbst. |
| Musik
Express - Ihr habt jede Menge neuer Maschinen,
was steht da eigentlich alles auf der Bühne? |
| Ralf
Hütter - Ich hab´ eine Laser-Lichtorgel.
Das ist ein amerikanisches Fabrikat und besser als ein Mellotron. Du hast
Lichttonplatten, die Klänge produzieren und durch Laser-Lichtdruck abgetastet
werden. |
| Florian
Schneider - Das System gibt´s natürlich schon
seit den Filmzeiten. |
| Ralf
Hütter - Und dann habe ich einen Sequenzer,
eine automatische Musikmaschine, die spielt die durchlaufenden Motive. |
| Musik
Express - Das klingt fast ein bißchen wie Hammerklavier? |
| Ralf
Hütter - Ja, dideldum, dideldum... und dann
unsere bei den kleinen Synthesizer... |
| Musik
Express - Man hört bei euch im Gegensatz zu früher
jetzt unheimlich viele Stimmen und Gesang. |
| Ralf
Hütter - Mich interessiert vor allem die
menschliche Stimme. Wir haben in den beiden letzten Jahren viel damit gearbeitet,
weil wir bestimmte Motive aus der menschlichen Stimme heraus entwickeln.
Auf den Lichttonplatten verwende ich nur menschliche Stimmen, manchmal Geigen...
nicht mehr vie früher rein instrumentale Musik, sondern vorher aufgenommene
Stimmen, Sprache, Wort, Poesie und diese sprechende Schreibmaschine. |
| Musik
Express - Ist das diese Monsterstimme, die euch
auch ankündigt? |
| Ralf
Hütter - Ja, das ist eine völlig künstliche
Stimme, eine sprechende Maschine... |
| Florian
Schneider - Ein Sprachcomputer. Wenn du auf "a"
drückst, dann sagt der "a". Die Tastatur ist erweitert, also neben den Druckbuchstaben
kannst du auch Zwischenlaute formen, heller, tiefer usw. |
| Ralf
Hütter - Und dann haben wir noch die beiden
elektrischen Schlagzeuge und dieses Lichtschrankenschlagzeug. |
| Florian
Schneider - Wenn also die Lichtschranke durchbrochen
wird, dann löst das den Kontakt aus: Es trommelt. Und dann haben noch etwas
selbst gebaut, eine elektronische Flöte, unsere Zauberflöte. |
| Ralf
Hütter - Alle Instrumente, die wir mit unseren
Ingenieuren entwickelt haben, sind patentiert. Wir wollen sie in Serie herstellen
lassen, damit auch andere Leute damit spielen können. |
| Florian
Schneider - Dann kannst du zu Hause elektrisches
Schlagzeug spielen. Du kannst es einfach an deine Stereoanlage anschließen. |
| Ralf
Hütter - Diese elektronischen Instrumente
sind viel einfacher zu spielen, weil di eine Klangidee viel direkter umsetzen
kannst. Ein Auto kannst du auf einem Klavier nicht so schnell reproduzieren. |
| Florian
Schneider - Das ist elektronische Hausmusik,
viele Leute schreiben uns, daß sie das interessiert. |
| Musik
Express - Wie entstehen eigentlich eure Stücke? |
| Ralf
Hütter - Im studio, durch Fummeln, Zufälle
oder beim Spielen; durch gedankliche Konzeption, also Reißbrettarbeit, oder
auch aufgrund reiner Ton-Fundstücke auf den Instrumenten. Oder auch in Konzerten:
Da spielen wir manchmal ein Stück immer weiter, und dann wächst daraus wie
ein Ast ein neues Stück. |
| Florian
Schneider - Wir sind in einem Stadium, in dem
wir praktisch alles spielen können. Es erfordert natürlich manchmal ein
bißchen Zeitabstand zwischen Idee und Realisation. Aber der Weg ist mittlerweile
schon sehr kurz geworden. |
| Musik
Express - Würdet ihr es als abwertend empfinden,
wenn ich eure Musik als naive Elektronik bezeichne? |
| Ralf
Hütter - Das kann ich schwer sagen, einige
nennen sie intellektuell, andere naiv... |
| Florian
Schneider - ... simel. |
| Ralf
Hütter - Ich glaube, sie ist alles gleichzeitig. |
| Musik
Express - Ich finde, daß Elektronik bei euch
besonders transparent und durchschaubar ist. |
| Ralf
Hütter - Ja, transparent, das ist besser.
Wir wollen auch, daß jeder einfach und direkt erkennen kann, was wir spielen.
Wir wollen nicht mit diesen Mitteln etwas anderes transportieren, etwas,
das hinter der bühne ist, sondern nur das, was vorn ist. Deshalb haben wir
auch das Neonlicht hinter uns stehen, damit wir transparent sind. |
| Musik
Express - Viele eurer Stücke haben als Thema
Umweltgeräusche? |
| Ralf
Hütter - Uns interessieren die Phänomene
der Akustik auf der ganzen Welt, und das ist etwas, was wir jetzt vermitteln
können. Am besten wäre es, wenn die Leute aus unseren Konzerten rausgehen
würden und die Geräusche um sie nicht mehr als Lärm empfinden (natürlich
nur solche, die nicht gehörschädlich sind), sondern als ganz normale Umweltgeräusche
betrachten. Die Welt der Geräusche ist Musik. |
| Musik
Express - Habt ihr für eure Platten immer ein
bestimmtes Konzept? |
| Ralf
Hütter - Wir machen nicht zwölf Songs, einen
über Liebe, den nächsten über Hosen, den dritten über Fußball. Selbst wenn
die Sachen unterschiedlich sind, Cut-ups, dann läuft dahinter immer eine
rote Linie. Die ist latent immer vorhanden. |
| Musik
Express - Auch wenn ihr Bänder laufen laßt? |
| Ralf
Hütter - Ja, wir lassen auch Tapes laufen
und Kasseten. Dann drückt einer auf die Taste und verläßt die Bühne. Wir
zeigen genau, was wir machen. |
| Musik
Express - Warum überhaupt Tonbänder? |
| Ralf
Hütter - Ein Tonband, das ist ja auch ein
Instrument, eine akustische Maschine. |
| Musik
Express - Ihr habt inzwischen eine sehr differenzierte
und ungewöhnliche Bühnenshow: Dias, den Metallkäfig, in dem ein Kopf im
schwarzen UV-Licht auf und abtanzt, das Signalspiel mit den Händen, die
gleichzeitig die Impulse am Lichtschranken-Schlagzeug auslösen. Plant ihr
noch mehr? |
| Ralf
Hütter - Der Mann im UV-Käfig ist der Prototyp,
das haben wir zum ersten Mal auf dieser Tournee gemacht. Wir wollen es aber
noch deutlicher zeigen, daß dieses so eine Art Menschmaschine ist, eine
Art Ballett. Tanzen und im selben Moment durch die Bewegung Musik erzeugen,
also tanzend Musik machen. |
| Musik
Express - Ihr beschäftigt euch auffallend mit
dem Radio, ich denke da nicht nur an die letzte LP. |
| Florian
Schneider - Das ist eine Hommage an das Radio,
das erste elektronische Studio, das es gab. Damals haben Leute wie Stockhausen
immer direkt im Radio Musik gemacht. |
| Ralf
Hütter - Wir haben das früher immer gehört,
Nachtmusik hieß es. Und das ist auch unser Background, so sind wir darauf
gekommen, eine rein elektronische Gruppe zu bilden. Im Amerika haben die
Leute immer nach dem Grund gefragt, und wir sind auch erst drauf gekommen,
als uns einfiel, welche Faszination diese Nachtmusik auf uns ausgeübt hat.
Wenn´s ganz dunkel war, wir schon ins Bett gehen mußten und alles unter
der Bettdecke aus dem Transistorradio hören konnten. Uns interessiert das
Radiobewußtsein. |
| Florian
Schneider - Und solche Sachen kann ja jeder ausprobieren.
Wenn du an deinem Radio den Sender einstellst und die vorgeformte Information
hörst, wie sie gewollt ist, dann brauchst du nur etwas wegzudrehen, z.B.
nachts auf Kurzwelle, und schon hast du die verrücktesten Geräusche, Morsecodes,
reine Klänge, das ist wahnsinnig; Radio Kairo und so weiter... Diese Idee,
Platte als Radio... |
| Ralf
Hütter - Das hat uns unheimlich fasziniert,
schon immer. Wir wollten immer eine eigene... wir haben uns, Kraftwerk,
im Kling Klang Studio als Radiostation gesehen. Aber in Deutschland ist
das rechtlich ja nicht möglich. In Amerika haben wir Typen unserer Generation
kennengelernt, die haben eigene Radiostationen, irgendwo außerhalb der Stadt
in einer alten Villa. Und von dort senden sie in die Nacht hinein, gerade
wie´s ihnen in den Sinn kommt, ganz direkt... |
| Florian
Schneider - Sie haben eigene Radioprogramme... |
| Ralf
Hütter - ... und dröhnen ihre ureigensten
Gedanken einfach in den Äther... und wir sehen uns als private Radiostation. |
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| Interview
to Ingeborg Schober - 1976 |
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