| Der
Spiegel: Herr Hütter, Kraftwerk ist dank klassischer
Elektropop-Hits wie "Autobahn" oder "Die Roboter" die international einflussreichste
deutsche Band überhaupt. Hat Sie Ihr Ruhm so gelähmt, dass Sie 16 Jahre
brauchten, um ein neues Album zu veröffentlichen, dessen Titel zudem an
ein altes Kraftwerk-Stück erinnert? |
| Ralf
Hütter: Glauben Sie, wir laufen den ganzen
Tag herum und klopfen uns begeistert auf die Schultern? Unsinn, wir sind
ganz normale Musikarbeiter und mit Kraftwerk in unserem Studio in Düsseldorf
gut beschäftigt. Dabei gibt es keinen 4- oder 20-Jahresplan. Wir haben zuletzt
wenig veröffentlicht, könnten das Tempo aber jederzeit anziehen. |
| Der
Spiegel: Ihr neues Album heißt "Tour de France
Soundtracks", Ihre berühmte ältere Komposition "Tour de France" zählt zu
den Grundlagen des Werks. Woher kommt Ihre Leidenschaft fürs Fahrradfahren? |
| Ralf
Hütter: Wir fahren alle vier und sind auch
manche Etappen der Tour schon selbst gefahren. Beim Fahrradfahren geht es
um Bewegung und Freiheit, auf dem Fahrrad fühlt man sich ungebunden, ja
fast autonom. Wie unsere Musik hat es mit Konzentration und Geschwindigkeit
zu tun - und mit der Sehnsucht, an Grenzen zu stoßen. Außerdem gibt uns
das Fahrradfahren einen langen Atem und hilft uns, gegen die zerstörerischen
Kräfte der Musikwelt zu bestehen. Vergessen Sie nicht: Wir sind jetzt seit
33 Jahren dabei. |
| Der
Spiegel: Hat Sie das 100-jährige Jubiläum der
Tour de France dazu bewogen, Ihr neues Werk gerade jetzt herauszubringen?
|
| Ralf
Hütter: Die Idee für das Album hatten wir
vor 20 Jahren. Damals haben wir ein Skript als Film durchgeschrieben. Aber
erst als wir letztes Jahr in Paris Konzerte gaben und unsere Roboter dort
im Museum ausgestellt wurden, klickte es bei uns, und wir haben die Pläne
zu Ende geführt. |
| Der
Spiegel: Werden Sie die Tour live verfolgen? |
| Ralf
Hütter: Die Organisatoren von der Société
du Tour de France haben uns eingeladen, vom Hubschrauber und aus dem Auto
zuzuschauen. |
| Der
Spiegel: Stört es Sie, dass die Kraftwerk-Musiker
ähnlich wie Hochleistungssportler als menschliche Maschinen beschrieben
werden? |
| Ralf
Hütter: Wichtig ist: Es geht um Menschmaschinen
und nicht um Maschinenmenschen. Also um einen Einklang, bei dem sich ein
geschmeidiges Wohlgefühl einstellen kann. Die Franzosen behaupten, dann
fühle man die Pedale nicht mehr. |
| Der
Spiegel: Sie spielen Ihre Lieder bei Konzerten
immer live. Ärgert es Sie, dass viele Menschen bis heute denken, rein elektronische
Musik dudle auf Knopfdruck einfach aus den Maschinen? |
| Ralf
Hütter: Ich hoffe, dass dieser Irrglaube
mittlerweile aufgeklärt ist. In den siebziger Jahren, als wir unsere ersten
großen Erfolge hatten, gab es noch viele Vorwürfe wie: Kraftwerk besteht
aus dumpfen Knöpfchendrückern. Damit haben wir uns in unseren Texten auseinander
gesetzt. In "Taschenrechner" zum Beispiel heißt es: "Und wenn ich diese
Taste drück, spielt er ein kleines Musikstück." Die Verfechter der so genannten
handgemachten Musik vergessen immer, dass auch die handgemachte Musik meist
mit kunstvoll konstruierten Instrumenten und Strom entsteht. |
| Der
Spiegel: Was faszinierte Sie so an Technik? |
| Ralf
Hütter: Maschinen wurden lange als schlimm
angesehen. Das war bei uns nie der Fall. Wir arbeiten mit den Maschinen
zusammen. Zwischen uns und ihnen herrscht Kameradschaft. |
| Der
Spiegel: Eine Art Kumpanei mit Maschinen? |
| Ralf
Hütter: Wir spielen die Maschinen, und die
Maschinen spielen uns. Das ist wirklich so. Wenn wir die Konzertbühne verlassen,
machen die Maschinen weiter. Aus diesem Gedanken heraus haben wir auch die
Roboter entwickelt. Es ging da um Austauschbarkeit, Arbeitsteilung, Duplikation,
Automatismen und ähnliche Gedanken. |
| Der
Spiegel: Ist es ein Triumph für Sie, dass heutige
Erfolgsmusiker Elektronik spielen, wie Sie es in den Siebzigern vorgemacht
haben? |
| Ralf
Hütter: Heute gibt es viele Möglichkeiten,
von denen wir damals, als wir anfingen, nur träumen konnten. Damals waren
Computer noch riesige Schränke. Heute steckt alles in einem Laptop, mit
dem man bequem um die Welt reisen kann. |
| Der
Spiegel: Wie muss man sich die Arbeit in Ihrem
legendären "Kling Klang Studio" vorstellen, in dem es angeblich weder Telefone
noch Faxgeräte gibt? |
| Ralf
Hütter: Es ist seit 33 Jahren unser elektronisches
Labor, unsere Arbeit dort erfordert Konzentration. Wir sind an sieben Tagen
die Woche im Studio. Wir fangen spät am Nachmittag an und gehen spät am
Abend. Wir haben für uns die 168-Stunden-Woche eingeführt. |
| Der
Spiegel: Und Sie sind die ganze Zeit im Studio
nur mit Musik beschäftigt? |
| Ralf
Hütter: Nein. Wir entwickeln Konzepte, Formeln
und Denkmodelle. Wir verbringen unsere Zeit nicht damit, dass wir 20 Versionen
eines Lieds aufnehmen, von denen 19 dann in der Schublade landen. Wir arbeiten
sehr zielorientiert. Was wir anfangen, wird auch veröffentlicht. Unsere
Archive sind leer. |
| Der
Spiegel: Kraftwerk gilt bei allem Respekt im Ausland
als typisch deutsche Band: distanziert, kalt, perfektionistisch und sehr
effektiv. Was ist Ihrer Meinung nach deutsch an Kraftwerk? |
| Ralf
Hütter: Sicher sind wir ein Produkt der Bundesrepublik
Deutschland und der Nachkriegskultur, aber eigentlich hat das eher mit einer
europäischen Identität zu tun. Als wir Ende der Sechziger anfingen, bestand
unsere Aufgabe darin, eine eigene Sprache zu entwickeln. Ähnliches versuchten
die europäischen Schriftsteller und Filmemacher auch. |
| Der
Spiegel: Mit dem Album "Autobahn" landeten Sie
1975 weit vorn in der amerikanischen Hitparade. Waren Sie überrascht, dass
sich von Anfang an in den USA die schwarze Musikszene sehr für die Klänge
von Kraftwerk begeisterte? |
| Ralf
Hütter: Nein. Für uns war immer klar, dass
Maschinen eine Seele haben, und die hat viel mit Soul und der schwarzen
Musik zu tun. Aber wir haben schon gestaunt, als wir damals, etwa Mitte
der Siebziger, in Amerikas Discotheken und Clubs schwarze DJs trafen, die
mit zwei Plattenspielern endlose Versionen unserer Nummer "Trans Europa
Express" mixten. |
| Der
Spiegel: Wie ist Ihnen das Kunststück gelungen,
mit Kraftwerk berühmt zu sein und als Einzelmensch fast anonym zu bleiben?
|
| Ralf
Hütter: Wir haben nie in irgendeine Szene
reingepasst. Ich glaube, wir werden einfach respektiert wie Wissenschaftler,
Zahnärzte und Schalterbeamte. Als das, was wir sind: als Musikarbeiter.
|
|
|
|
Interview
to Christoph Dallach
|
|