Der Spiegel - Ralf Hütter - July 2003
(German Version)
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Der Spiegel: Herr Hütter, Kraftwerk ist dank klassischer Elektropop-Hits wie "Autobahn" oder "Die Roboter" die international einflussreichste deutsche Band überhaupt. Hat Sie Ihr Ruhm so gelähmt, dass Sie 16 Jahre brauchten, um ein neues Album zu veröffentlichen, dessen Titel zudem an ein altes Kraftwerk-Stück erinnert?
Ralf Hütter: Glauben Sie, wir laufen den ganzen Tag herum und klopfen uns begeistert auf die Schultern? Unsinn, wir sind ganz normale Musikarbeiter und mit Kraftwerk in unserem Studio in Düsseldorf gut beschäftigt. Dabei gibt es keinen 4- oder 20-Jahresplan. Wir haben zuletzt wenig veröffentlicht, könnten das Tempo aber jederzeit anziehen.
Der Spiegel: Ihr neues Album heißt "Tour de France Soundtracks", Ihre berühmte ältere Komposition "Tour de France" zählt zu den Grundlagen des Werks. Woher kommt Ihre Leidenschaft fürs Fahrradfahren?
Ralf Hütter: Wir fahren alle vier und sind auch manche Etappen der Tour schon selbst gefahren. Beim Fahrradfahren geht es um Bewegung und Freiheit, auf dem Fahrrad fühlt man sich ungebunden, ja fast autonom. Wie unsere Musik hat es mit Konzentration und Geschwindigkeit zu tun - und mit der Sehnsucht, an Grenzen zu stoßen. Außerdem gibt uns das Fahrradfahren einen langen Atem und hilft uns, gegen die zerstörerischen Kräfte der Musikwelt zu bestehen. Vergessen Sie nicht: Wir sind jetzt seit 33 Jahren dabei.
Der Spiegel: Hat Sie das 100-jährige Jubiläum der Tour de France dazu bewogen, Ihr neues Werk gerade jetzt herauszubringen?
Ralf Hütter: Die Idee für das Album hatten wir vor 20 Jahren. Damals haben wir ein Skript als Film durchgeschrieben. Aber erst als wir letztes Jahr in Paris Konzerte gaben und unsere Roboter dort im Museum ausgestellt wurden, klickte es bei uns, und wir haben die Pläne zu Ende geführt.
Der Spiegel: Werden Sie die Tour live verfolgen?
Ralf Hütter: Die Organisatoren von der Société du Tour de France haben uns eingeladen, vom Hubschrauber und aus dem Auto zuzuschauen.
Der Spiegel: Stört es Sie, dass die Kraftwerk-Musiker ähnlich wie Hochleistungssportler als menschliche Maschinen beschrieben werden?
Ralf Hütter: Wichtig ist: Es geht um Menschmaschinen und nicht um Maschinenmenschen. Also um einen Einklang, bei dem sich ein geschmeidiges Wohlgefühl einstellen kann. Die Franzosen behaupten, dann fühle man die Pedale nicht mehr.
Der Spiegel: Sie spielen Ihre Lieder bei Konzerten immer live. Ärgert es Sie, dass viele Menschen bis heute denken, rein elektronische Musik dudle auf Knopfdruck einfach aus den Maschinen?
Ralf Hütter: Ich hoffe, dass dieser Irrglaube mittlerweile aufgeklärt ist. In den siebziger Jahren, als wir unsere ersten großen Erfolge hatten, gab es noch viele Vorwürfe wie: Kraftwerk besteht aus dumpfen Knöpfchendrückern. Damit haben wir uns in unseren Texten auseinander gesetzt. In "Taschenrechner" zum Beispiel heißt es: "Und wenn ich diese Taste drück, spielt er ein kleines Musikstück." Die Verfechter der so genannten handgemachten Musik vergessen immer, dass auch die handgemachte Musik meist mit kunstvoll konstruierten Instrumenten und Strom entsteht.
Der Spiegel: Was faszinierte Sie so an Technik?
Ralf Hütter: Maschinen wurden lange als schlimm angesehen. Das war bei uns nie der Fall. Wir arbeiten mit den Maschinen zusammen. Zwischen uns und ihnen herrscht Kameradschaft.
Der Spiegel: Eine Art Kumpanei mit Maschinen?
Ralf Hütter: Wir spielen die Maschinen, und die Maschinen spielen uns. Das ist wirklich so. Wenn wir die Konzertbühne verlassen, machen die Maschinen weiter. Aus diesem Gedanken heraus haben wir auch die Roboter entwickelt. Es ging da um Austauschbarkeit, Arbeitsteilung, Duplikation, Automatismen und ähnliche Gedanken.
Der Spiegel: Ist es ein Triumph für Sie, dass heutige Erfolgsmusiker Elektronik spielen, wie Sie es in den Siebzigern vorgemacht haben?
Ralf Hütter: Heute gibt es viele Möglichkeiten, von denen wir damals, als wir anfingen, nur träumen konnten. Damals waren Computer noch riesige Schränke. Heute steckt alles in einem Laptop, mit dem man bequem um die Welt reisen kann.
Der Spiegel: Wie muss man sich die Arbeit in Ihrem legendären "Kling Klang Studio" vorstellen, in dem es angeblich weder Telefone noch Faxgeräte gibt?
Ralf Hütter: Es ist seit 33 Jahren unser elektronisches Labor, unsere Arbeit dort erfordert Konzentration. Wir sind an sieben Tagen die Woche im Studio. Wir fangen spät am Nachmittag an und gehen spät am Abend. Wir haben für uns die 168-Stunden-Woche eingeführt.
Der Spiegel: Und Sie sind die ganze Zeit im Studio nur mit Musik beschäftigt?
Ralf Hütter: Nein. Wir entwickeln Konzepte, Formeln und Denkmodelle. Wir verbringen unsere Zeit nicht damit, dass wir 20 Versionen eines Lieds aufnehmen, von denen 19 dann in der Schublade landen. Wir arbeiten sehr zielorientiert. Was wir anfangen, wird auch veröffentlicht. Unsere Archive sind leer.
Der Spiegel: Kraftwerk gilt bei allem Respekt im Ausland als typisch deutsche Band: distanziert, kalt, perfektionistisch und sehr effektiv. Was ist Ihrer Meinung nach deutsch an Kraftwerk?
Ralf Hütter: Sicher sind wir ein Produkt der Bundesrepublik Deutschland und der Nachkriegskultur, aber eigentlich hat das eher mit einer europäischen Identität zu tun. Als wir Ende der Sechziger anfingen, bestand unsere Aufgabe darin, eine eigene Sprache zu entwickeln. Ähnliches versuchten die europäischen Schriftsteller und Filmemacher auch.
Der Spiegel: Mit dem Album "Autobahn" landeten Sie 1975 weit vorn in der amerikanischen Hitparade. Waren Sie überrascht, dass sich von Anfang an in den USA die schwarze Musikszene sehr für die Klänge von Kraftwerk begeisterte?
Ralf Hütter: Nein. Für uns war immer klar, dass Maschinen eine Seele haben, und die hat viel mit Soul und der schwarzen Musik zu tun. Aber wir haben schon gestaunt, als wir damals, etwa Mitte der Siebziger, in Amerikas Discotheken und Clubs schwarze DJs trafen, die mit zwei Plattenspielern endlose Versionen unserer Nummer "Trans Europa Express" mixten.
Der Spiegel: Wie ist Ihnen das Kunststück gelungen, mit Kraftwerk berühmt zu sein und als Einzelmensch fast anonym zu bleiben?
Ralf Hütter: Wir haben nie in irgendeine Szene reingepasst. Ich glaube, wir werden einfach respektiert wie Wissenschaftler, Zahnärzte und Schalterbeamte. Als das, was wir sind: als Musikarbeiter.
Interview to Christoph Dallach


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Updated: November 25, 2007