Sonntagszeitung Newspaper - Ralf Hütter - August 2003
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Sonntagszeitung: Sie gelten als ambitionierter Hobbyradler. Welche "Tour de France" Etappen sind Sie selbst schon gefahren?
Ralf Hütter: Wir fahren alle seit Jahrzehnten Rad. Ich besonders. Wir sind alle Pässe, die im Büchlein zur CD verzeichnet sind, gefahren. Die klassischen Etappen über die Pässe Madleine, Galibier nach Alpe d'Huez in den Alpen, und von Luchon über den Tourmalet nach Luz Ardiden in den Pyrenäen.
Sonntagszeitung: Geht das so leichtfüssig, wie es Ihre "Soundtracks" implizieren?
Ralf Hütter: Wenn man in Form ist, fällt es leicht. Wenn's gut läuft, dann geht's fast geräuschlos. Kleinere Radgeräusche und menschlicher Atem; den haben wir für das Album aufgenommen. "Er hat keine Kette drauf", nennt man diesen schwebenden Zustand. Das ist wie in einem Konzert, in dem die Musik wie von selbst läuft. Da gibt es gewisse Parallelen.
Sonntagszeitung: Verglichen mit dem Leiden der Veloprofis an der jüngsten Tour de France wirken Ihre "Soundtracks" wie eine Sublimierung. Oder wie Fahrer, die viel Epo gespritzt haben.
Ralf Hütter: Sublimiert sind unsere Klänge allemal. Gewiss. Die Tour de France hat uns übrigens eingeladen. Der frühere Spitzenfahrer Gilbert Duclos-Lasalle war unserer Capitaine de route. In seinem Wagen fuhren in der Etappe nach Alpe d'Huez direkt hinter Tourdirektor Jean-Marie Leblanc.
Sonntagszeitung: Leiden gehört doch zum Radfahren?
Ralf Hütter: Man geht in gewissen Phasen bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Als Profi wie als Hobbyfahrer. Man fährt im Rahmen seiner Möglichkeiten, im Rhythmus seines Lebens. So haben wir als Musiker übrigens immer gearbeitet. In den sechziger Jahren arbeiteten wir mit Tonbändern, editierten mit Rasierklingen. Wir spielten elektroakustische Instrumente. In den frühen siebziger Jahren benützten wir die ersten Synthesizer.
Sonntagszeitung: Dass jetzt ein neues Kraftwerk-Album erscheint, ist eigentlich unglaublich. Es wurde so oft angekündigt und erschien dann doch nicht. Wieso?
Ralf Hütter: Wir hatten das Konzept für ein "Tour de France" Album bereits 1983. Daraus wurde nur die "Tour de France" Single, weil wir an dem Album "Technopop" zu arbeiten begannen. Aus diesem wurde schliesslich "Electric Cafe". Danach haben wir alle Aufnahmen digitalisiert. Letzten Herbst traten wir in der Cité de la Musique in Paris erstmals mit Laptops auf. Wir sind mit unserem Studio jetzt mobil.
Sonntagszeitung: Ich dachte, das seien Sie schon lange.
Ralf Hütter: Unser Klingklang Studio war früher mehrere Tonnen schwer. 1998 sind wir damit um die Welt gereist. Jetzt haben wir es auf eine digitale Plattform reduziert. Wir können unser Studio praktisch im Handgepäck transportieren. Und es funktioniert bestens in verschiedenen Klimazonen. Wir sind damit in Japan in der Kälte und in Australien in der Hitze aufgetreten. Fantastisch. .
Sonntagszeitung: "Tour de France Soundtracks" ist Ihr erstes Album mit neuen Stücken seit 1986.
Ralf Hütter: Nein. 1999 haben wir "Expo 2000" gemacht, ein Minialbum mit der Musik für die Weltausstellung in Hannover.
Sonntagszeitung: Trotzdem ist Ihr Arbeitstempo gemächlich.
Ralf Hütter: Wir sind total autonom. Wir machen alles selbst, in Zusammenarbeit mit unserem Computer-Ingenieur.
Sonntagszeitung: Das frühere Kraftwerk-Mitglied Wolfgang Flür sagte einmal, Ralf Hütter interessiere sich mittlerweile mehr fürs Radfahren als für die Musik. Das sei der Grund, weshalb alles so lang dauere.
Ralf Hütter: Wer ist Flür?
Sonntagszeitung: Er war rund 15 Jahre bei Kraftwerk.
Ralf Hütter: Flür war einer der Schlagzeuger, die wir für Tourneen und Aufnahmen verpflichteten. Seine Behauptung ist falsch. Er kann das Radfahren gar nicht beurteilen; er ist nie selber Rad gefahren.
Sonntagszeitung: Woher kommt eigentlich Ihre Begeisterung fürs Radfahren?
Ralf Hütter: Vermutlich aus einer Affinität zur Musik. Der Mensch und die Maschine, die zu einer Einheit werden. Der Mensch, der sich aus eigener Kraft bewegt, in Zusammenarbeit mit einer Maschine. Interessanterweise wurden während der Tour de France in den letzten Wochen in den Medien Ausdrücke gebraucht wie "Ullrich, die Menschmaschine" oder "Ullrich, ein Kraftwerk auf Rädern". Radfahren ist übrigens auch ein Gesundheitsprogramm. Viele Leute aus der Musikwelt sind ausgebrannt, haben sich kaputt machen lassen. Wir aber sind voller Energie.
Sonntagszeitung: Mit dem "Tour de France" Album nehmen Sie ein altes Kraftwerk-Thema auf. Ist Ihr Werk womöglich abgeschlossen?
Ralf Hütter: Nein, das ist keineswegs so. Aber wir haben keinen Vierjahresplan, wir haben überhaupt keinen Plan. Unsere Arbeit wird sich wieder lebendiger entwickeln.
Sonntagszeitung: Wenn man die Popmusik so stark beeinflusst hat wie Kraftwerk, scheint jede neue Äusserung schwierig, denn sie könnte den Mythos, geniale Technopioniere zu sein, gefährden...
Ralf Hütter: Solche Überlegungen sind uns fremd. Das sind Denkmodelle, die Musikkritiker wälzen. Uns interessieren solche Fragen nicht.
Sonntagszeitung: Kraftwerk waren mit ihrer elektronischen Klangerzeugung Avantgarde. Es ist unausweichlich, den Vorsprung einzubüssen. Beschäftigt einen das nicht?
Ralf Hütter: Wir haben immer gemacht, was wir wollten. Wir sind immer mit Vorurteilen konfrontiert worden. Als wir "Trans Europa Express" herausbrachten, hiess es, "was beschäftigt Ihr Euch mit so altem Zeugs wie dem TEE, das ist doch Vergangenheit". Als "Computerwelt" erschien, nannte man uns "Knöpfchendreher". Als wir jenes Album machten, dachten wir, wir seien vielleicht schon zu spät mit dieser Thematik. Im Nachhinein sieht das natürlich anders aus. Der Personal Computer kam erst zwei Jahre später auf den Markt.
Sonntagszeitung: Ihre Videos zum "Tour de France" Stück von 1983 wie auch jenes zu "Das Modell" waren mit Bildern aus der Vergangenheit illustriert. Wieso eigentlich?
Ralf Hütter: In Frankreich hat das mal jemand als "Retrofuturismus" beschrieben. Manchmal muss man zurück schauen, um nach vorne zu sehen. Dieser permanente Zwang zum Neuen, der in unserer Gesellschaft herrscht, passt uns nicht. Uns kommt es auf die Essenz an.
Sonntagszeitung: In einem früheren Interview sagten Sie "wenn man davon ausgeht, dass jeder seine eigene Musik macht, braucht es uns nicht mehr". Diesen Zustand haben wir heute, im Zeitalter des DJ.
Ralf Hütter: Das ist richtig. Die Elektromusik, die wir sozusagen geistig mitentwickelt haben, hat dies ermöglicht. Für uns ist es allerdings kein Grund aufzuhören. Wir werden uns da nochmals voll einklinken.
Sonntagszeitung: Die "Menschmaschine" ist Ihr Lieblingsthema. Auf diesem Gebiet ist in den letzten Jahren durch die Verbindung Mensch-Computer enorm viel passiert. Verfolgen Sie das?
Ralf Hütter: Ja, sehr. Wir versuchen das auch auf unsere Arbeit anzuwenden. Wir stellen uns vor, dass unsere Roboter in Tokio ein Konzert geben, während wir in Paris sind. Das Grösste ist, wenn die Musik sich selbst spielt.
Sonntagszeitung: Das ist ein altes Kraftwerk-Projekt.
Ralf Hütter: Das stimmt. Die Geräte waren allerdings lange nicht zugänglich. Doch wir sind voll dabei.
Sonntagszeitung: Als vor ein paar Jahren die TV- und CD-Serie "Pop 2000" zusammengestellt wurde, die die Geschichte der deutschen Popmusik aufrollte, fehlten ausgerechnet Kraftwerk, Deutschlands wichtigster Beitrag zur Popgeschichte. Wieso?
Ralf Hütter: Wir waren immer Aussenseiter. Wir wurden zwar angefragt für "Pop 2000". 2000 Jahre Popmusik? "Ne, da sind wir nicht dabei", war unsere Antwort.
Sonntagszeitung: Sind die anderen deutschen Popmusiker nicht gut genug für Kraftwerk?
Ralf Hütter: Nein. Wir machen einfach unser Ding. In Freiheit. Dieses Kompilieren, dieses Verpacken, Verwursten, Verwursteln hat uns immer widerstrebt.
Sonntagszeitung: Werden Sie uns wieder mit Auftritten beehren?
Ralf Hütter: Ja, wir haben vor, im Herbst und Winter in Europa auf Tournee zu gehen.
Interview to Michael Lüther


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Updated: November 25, 2007