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Die vier wirkten vor
30 Jahren, als seien sie aus dem Kontinuum von Zeit und Raum gefallen und
in der Vergangenheit aufgeschlagen. Mit ihrem elektronischen Sound ließ
die Gruppe Kraftwerk ihre hippifizierten Zeitgenossen Anfang der siebziger
Jahre in eine Zukunft blicken, die damals total spinnert wirkte und inzwischen
eingetreten ist. Mit dem Album "Computerwelt" nahm das Düsseldorfer Quartett
die Informationsgesellschaft vorweg (und mit dem Titel "Computerlieb"" ebendieselbe),
bei der Live-Darbietung von "Die Roboter" traten die futuristischen vier
sechs Jahre vor Schwarzeneggers Terminatoren als Mensch-Maschinen auf. Für
das amerikanische Branchenblatt "Entertainment Weekly" zählt heute das 1974
erschienene Album "Autobahn" zu den "hundert wichtigsten Momenten der Rockgeschichte"
, und wohl kaum jemand in der Branche bezweifelt, dass die teutonischen
Tontüftler vom Rhein die Blaupause für die Musik des dritten Millenniums
geschrieben haben. Doch nachdem die von Kraftwerk beschworene Zukunft allmählich
Gestalt angenommen hatte, herrschte (abgesehen von einigen Wiederauflagen
und einem viersekündigen Jingle für die Hannover-Expo 2000) nahezu 16 Jahre
Funkstille, bis die Gründungsmitglieder Ralf Hütter, Florian Schneider-Esleben
gemeinsam mit den Neuzugängen Fritz Hilpert und Henning Schmitz vergangene
Woche ihr seit Jahren angekündigtes zehntes Album "Tour de France Soundtracks"
veröffentlichten. Der 56-jährige Ralf Hütter gewährte einen der raren Einblicke
in die Software von "Deutschlands berühmtester Popgruppe" ("Die Zeit"): |
| Focus:
Herr Hütter, wir leben mittlerweile im digitalen Zeitalter,
das Sie prophezeit haben. Heute wirkt Ihr Sound schon fast retrofuturistisch.
Kann man noch richtungsweisende Musik machen, wenn einen die Gegenwart eingeholt
hat? |
| Ralf
Hütter: Natürlich. Die elektronische Musik
steht erst am Anfang. |
| Focus:
Sie selber bezeichnen sich als Mensch-Maschinen. Was
hat man darunter zu verstehen? |
| Ralf
Hütter: Wir arbeiten in enger Freundschaft
mit unseren Musik-Maschinen zusammen und behandeln uns gegenseitig gut.
In unserem Schaffen geht es um die Einheit zwischen Mensch und Maschine.
Wir streben nach einem Flow, nach dem befreienden Moment, wenn sich die
Musik selbst spielt. Den Gedanken haben wir konsequent bei "Die Roboter"
umgesetzt, als wir die Bühne verlassen und die Maschinen übernommen haben. |
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Jeder kennt den Kraftwerk-Sound,
aber kaum jemand die Macher. unzählige Mythen ranken sich um die Tonkünstler,
die in mimosenhafter Zurückgezogenheit leben. Die Avantgarde- Truppe verweigert
sich naturalistischen Fotoaufnahmen und präsentiert sich bei den äußerst
seltenen Konzerten und den noch selteneren Fernsehauftritten meist mit maskenhaftem
Make-up. Berichte über die Ahnen des Techno beginnen größtenteils mit dem
Wort "angeblich" . Vor einigen Wochen irrte beispielsweise ein Journalist
des Londoner "Guardian" in Ermangelung eines Interviewtermins durch das
Düsseldorfer Bahnhofsviertel. um die öffentlichkeitsscheue Band anhand eventuell
aus dem Fenster klingender Töne aufzuspüren, denn die Adresse des Klingklang-Studios
ist geheim - vergeblich. Der Legende zufolge schenken die avantgardistischen
Künstler nur einmal täglich, Punkt 19 Uhr, ihrem Telefon Aufmerksamkeit,
das blinkt anstatt zu klingeln. Die Nummer des Anschlusses ist "angeblich"
geheim. |
| Focus:
Inszenieren Sie diese Medienphobie, oder sind Sie
so autistisch? |
| Ralf
Hütter: Wir sind Klangforscher und arbeiten
168 Stunden die Woche hinter verschlossenen Türen, weil wir uns nur auf
das konzentrieren, was wir tun müssen. |
| Focus:
Nämlich? |
| Ralf
Hütter: Industrielle elektronische Volksmusik
produzieren. |
| Focus:
Volksmusik? Die vermeintlich inhumane Kälte Ihrer
Musik und vermeintlich deutsche Eigenschaften wie Pünktlichkeit und Technikliebe
haben Ihnen den Vorwurf eingebracht, faschistoid zu sein. |
| Ralf
Hütter: Dazu gibt es wenig zu sagen. Wir
sehen uns als europäische Band mit deutschem Pass. lm Übrigen betrachten
wir das Etikett "musikalischer Volkswagen" durchaus als Kompliment. |
| Focus:
Bereits einen Tag nach Veröffentlichung Ihres neuen
Albums belegte "Tour de France Soundtracks" Platz eins der Media-Control-Trendcharts
und führte die Bestsellerliste beim Internet-Shop Amazon an. Dabei recyceln
Sie unter anderem die gleichnamige Single aus den achtziger Jahren. Woher
rührt eigentlich Ihre Passion für das Radfahren? |
| Ralf
Hütter: Die Faszination läuft bei uns parallel
zur Musik. Mit dem Rennrad gehen wir die perfekte Symbiose ein und realisieren
unsere Vorstellung von der Mensch-Maschine. Diese Bewegung vertonen wir.
Wir vier sind schon Bergetappen der Tour de France gefahren, genau wie in
der Musik benötigt man dafür Dynamik und Ausdauer. |
| Focus:
Wie viele Jahre werden vergehen, bis Sie ein neues
Album veröffentlichen? |
| Ralf
Hütter: Jetzt gehen wir erst mal auf Welttournee. |
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Interview
to Elke Hartmann
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