| FP
- Zehn Jahre ist es her, daß Kraftwerk auf der Bühne stand. Seid ihr heiß,
erwartungsvoll? |
| Ralf
Hütter - Ja! Absolut! Wir hatten zwar zwischendurch
Projekte gemacht, in New York zum Beispiel - doch all das fand eher auf
der studiotechnischen Ebene statt. Eigentlich ist jetzt erst des Equipment
auf dem Status, daß wir damit reisen uns die Musik live spielen können,
ohne Abstriche zu machen. Wir wollen nicht nur technisch spielen, das heißt
reproduzieren, sondern such improvisieren. Eben ein richtiges Konzert geben... |
| FP
- Marionetten mit Playbacks gibt's ja auch genug. Trotzdem habt ihr wieder
eure Dummies dabei... |
| Ralf
Hütter - Ja, aber neu designte. |
| FP
- Waren eure Auftritte in Italien im Mai 1990 so was wie ein Warm Up? |
| Ralf
Hütter - Genau. |
| FP
- Warum gerade Italien? |
| Ralf
Hütter - Wir wollten an die traditionellen
Stätten der futuristischen Musik zurückkehren, nach Bologna, nach Padua.
"The Art of Noise" ist in der Gegend von Leuten wie Roussollo begründet
worden. |
| FP
- Die Spielorgel ist meines Wissens dort auch erfunden worden. Und das war
sozusagen die Urform des Musikcomputers? |
| Ralf
Hütter - Ja, könnte man sagen. Mozart, Bach
waren zu ihrer Zeit ja total fasziniert davon. Die meisten Leute sagen zwar
immer, das wäre Kinderkram, aber das ist es nicht. Fast alle großen Komponisten
waren wahnsinnig fasziniert davon, auch von maschinisierten Menschen. Die
haben ja alle, besonders Mozart Stücke für die Spielorgel geschrieben. |
| FP
- Interessant, daß das eine Motivation war, nach Italien zu gehen... |
| Ralf
Hütter - Ja, auch. Die haben zudem ein begeisterungsfähiges
House-Publikum. |
| FP
- Warum erscheinen die Kraftwerk-Mixes erst oder gerade jetzt? |
| Ralf
Hütter - Ja, jetzt waren wir fertig. Du mußt
den Begriff Mix eher als Prozess sehen, eben als updated version. Wie die
Musik eben so neu aufbereitet wird. "The Mix" ist quasi wie ein Live-Album.
Wenn wir 'ne Rockband wären, hieße das "live", weil wir 'ne Electroband
sind, heißt das Mix. |
| FP
- Wäre doch eine irre Idee gewesen, das Album "Kraftwerk Live" zu nennen,
dann hätten viele gestutzt: "Ah, das ist doch nicht live". |
| Ralf
Hütter - Ja, aber wir wollen es den Leuten
nicht schwer machen. Das kapiert dann wieder keiner. Außerdem drückt das
Wort "Mix" besser aus, was wir "live" bieten: Klangquellen werden gemixt.
Computer werden synchronisiert, Bilder, Computergrafiken hinzuaddiert. Das
ganze "live" mit vier großen Mixern. Jetzt machen wir schon wieder neue
Mixe in London und New York. Live gibt's die dann als Extended Versions.
In Detroit länger als in Leverkusen. |
| FP
- Hast du große Erwertungen an Detroit? |
| Ralf
Hütter - Nein, ich hab das nur so gesagt.
Früher war das eine Stadt, die mit Soul in Verbindung gebracht wurde, heute
- vielleicht durch uns - ist das eine Techno-Hochburg. |
| FP
- Es gibt mittlerweile so viele verschiedene Techno-Hochburgen: Frankfurt,
Detroit, Chicago, Sheffield, Belgien... |
| Ralf
Hütter - Ja, das haben wir immer gesagt,
daß Computermusik eine lebendige Musik ist. Früher wurden wir immer kritisiert:
kalt, langweilig, stur, starr, auch deutsch. Da empfindet man Genugtuung,
daß eine Soul-Hochburg wie Detroit auch Techno-Hochburg sein kann. Wir haben
das immer vorhergesehen. Auch, daß schwarze Soulmusik technizide Züge tragen
kann. |
| FP
- Die Black Community in Amerika war eigentlich eure erste richtig große
Fangemeinde, die euch nachhaltig den Kultstatus gab, den ihr verdient habt.
Fast jeder Hip Hop Fan, Funk Break, ob das nun Michael Jonzun war oder Afrika
Bambaataa, beruft sich auf Kraftwerk. Wie erklärst du dir das? |
| Ralf
Hütter - Das müßte man die Schwarzen fragen,
was sie an unserer Musik so fasziniert. Vielleicht ist es der Futurismus. |
| FP
- Den Schwarzen schreibt man ja mehr Körperbetontheit, mehr "Seele" zu,
den Weißen hingegen, vor allen den Mitteleuropäern, eher die Errungenschaften
des Geistes wie auch den Computer. |
| Ralf
Hütter - Ich glaube, die Schwarzen sind sehr
stark von der Maschinenseele fasziniert. Und umgekehrt, zumindest derzeit
sind die Weißen an schwarzer Rhythmik interessiert. Schwarze sind, wenn
sie intellektuell sind, nicht so sperrig. Weiß auch nicht, warum. |
| FP
- Schwarze Musik ist auf jeden Fall kompatibel zu Kraftwerk. Das gilt allerdings
kaum für Yellow Magic Orchestra, Tangerine Dream oder Industrial. Zu der
Musik von diesen Bands gesellen sich - sagen wir - für die schwarze Seele
negative Wesensfremdheiten, gennat New Age, oder aggressive, zerstörerische
Industriesounds. Was hat Kraftwerk, was YMO, Yello, Throbbing Gristle nicht
haben? |
| Ralf
Hütter - Unsere Musik ist erst mal dynamischer.
Vielleicht so funkig wie ein Computer sein kann. Zum anderen ist sie einfacher
und poppiger, leichter verständlich. So wie Computersprache eine einfache
Sprache ist. Außerdem glaube ich, daß wir eine positive Vision ausstrahlen.
|
| FP
- In wie weit haben denn Kraftwerk ihre Musik damals als Tanzmusik begriffen?
War zu Zeiten von "Autobahn" denn Danceability gewollt? |
| Ralf
Hütter - Vielleicht waren wir zu Zeiten von
"Ralf & Florian" mehr noch von Geräuschen fasziniert, aber bei "Autobahn",
da steckt doch schon im Wort Bewegung drin. Eigentlich war alle Musik immer
zum Tanzen. Nur hat sich die ganze Rockmusik vor dem elektronischen Instrumentarium
gesperrt hat. Die hatten ihre Holz- und Fellinstrumente, und wollten von
Synthesizern nichts wissen. Erst die Discomusik stand dem wieder offen gegenüber.
Es gar allerdings früher schon so einen Begriff wie Eurodisco. In unseren
Texten kam Tanzen allerdings schon immer zum Ausdruck. Zum Beispiel in solchen
Worten wie "Mechanik". Wir haben unsere Stücke selten nur auf Atmosphäre
aufgebaut. |
| FP
- Das unterscheidet euch stark von solchen Gruppen wie Tangerine Dream,
die meditativen oder kosmischen Charakter haben. |
| Ralf
Hütter - Ja. Wir waren immer ziemlich urban.
Und auch mit diesen urbanen Themen: Autobahn, Schaufensterpuppen... Uns
interessieren nach wie vor stärker die gesellschaftlichen wie technischen
Phänomene. Wir haben uns immer mehr für Musik interessiert, die in direktem
Zusammenhang mit dem Menschen steht. Authentische Musik oder Weltmusik,
eben auch die schwarze Musik. Uns das war auch unsere Aufgabe , mit Phantasie
mitzuwirken, einen Klang der BRD zu erzeugen. |
| FP
- Ist das ein Grund, warum Kraftwerk weder ein Statement in Form einer Platte
zu Acid oder Ambient - House gemacht hat? |
| Ralf
Hütter - Könnte man sagen. |
| FP
- Ist denn Kraftwerk heute im globalen Dorf noch irgendwo deutsch? |
| Ralf
Hütter - Kulturell würde ich sagen: Ja. Unsere
Musik wäre anders, wenn wir aus Kanada oder Italien kämen. Das ist halt
der Sound aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet - das würde ich schon so sehen.
Wobei natürlich heute in weltweiten Kommunikationssystemen dieses "elektronische
Ding" immer mehr zu einer Weltmusik verschmilzt. Das haben wir ja mit Trans
Europa Express schon zum Ausdruck gebracht. Deshalb wird diese Musik auch
überall verstanden. |
| FP
- Wie sehen Kraftwerk die britischen Bleep Sounds und Clonks im Vergleich
zu ihren eigenen Sachen? |
| Ralf
Hütter - Gerade erst hat jemand zu mir gesagt,
"Numbers" sei die erste Bleep-Platte. Also ist "Taschenrechner" die erste
Bleep-Musik, oder? |
| FP
- Ihr habt eine revolutionäre und gleichzeitig langatmige technologische
Entwicklung mitgebracht, monatelang an Oszilliatoren und Widerständen gebastelt.
Findet ihr erst jetzt gemein, wenn ein Sample-Kid innerhalb von wenigen
Stunden eine solche Platte fabriziert? |
| Ralf
Hütter - Nein, das finde ich gut. Wenn ich
das nicht gut fände, hieße das ja Rückschritt oder Stillstand. |
| FP
- Ist die Musik aus technologischer Sicht auf dem heutigen Stand ausgereizt?
Wo können noch technische Neuerungen möglich sein? |
| Ralf
Hütter - Wir mußten früher die Klänge immer
stundenlang einstellen, drehen, und denn gingen die immer wieder weg. So
was hat heute wieder seinen Reiz. Der analoge Synthesizer ist nicht aus
dem Rennen. Ganz im Gegenteil, wir benutzen nach wie vor mehr analoge Sounds
als digitale Samples. Wir haben uns in den letzten fünf Jahren vorrangig
ein System geschaffen, das beides miteinander verbindet. Wir haben zu "Electric
Cafe" erstmals digital gearbeitet und sind nun in der Lage, live in das
digitale System einzugreifen. |
| FP
- Es ist ja leicht, heute so was einzuspeichern, und dann rattert das runter.
Da ist man schnell versucht zu sagen: diese Musik ist dem Ende nahe. |
| Ralf
Hütter - Es gibt viel Müll in der elektronischen
Musik. Das gab's immer. Der Anteil war früher genau so hoch wie heute. Das
ist ein Naturgesetz. |
| FP
- Also ist der Computer daran nicht schuld? |
| Ralf
Hütter - Man kann nicht denken, wenn man
das Instrumentarium verändert, daß sich die Musik automatisch verbessert.
Das wäre Materalismus in Reinkultur. |
| FP
- Also gilt der Kraftwerk'sche Satz: Es wird immer weitergehen, Musik als
Träger von Ideen? Widerspricht dem nicht der Mix? |
| Ralf
Hütter - Dieser Prozess des Neuzusammensetzen
ist bei uns Gegenstand unserer Platte. |
| FP
- Aber Millionen Kraftwerk-Fans warten auf eine neue Platte. |
| Ralf
Hütter - Ja, die kommt ja auch. Nach der
Tournee. Wir konnten ja keine Tour machen ohne Platte, dann schneiden sie
alle mit DAT-Recordern mit, und wir haben hundert Bootlegs. "The Mix" ist
lediglich ein Dokument unserer Arbeit - so ähnlich spielen wir das - und
warum nicht 'ne Platte davon schneiden? |
| FP
- Also sind die vier Kraftwerker quasi live MIDI-DJs? |
| Ralf
Hütter - Absolut. Die LP ist ein Photoprint
unserer Arbeit. Wir spielen mit Studio-Equipment, Kling Klang Studio live
- nur die Samples sind nicht von Derrick May, Kevin Saunderson runtergeholt,
sondern aus dem Kraftwerk-Archiv. |
| FP
- Seid ihr denn technologisch wie Sound-ästhetisch auf dem neuesten Stand? |
| Ralf
Hütter - Ja, das möchte ich doch annehmen. |
| FP
- Aber ihr kauft euch keine Platten? |
| Ralf
Hütter - (äußerst zögernd) Manche Platten
kaufen wir uns auch. (Anm. des Verfassers: Im Grunde genommen registrieren
Kraftwerk nur am Rande, was so läuft.) So genial sind die meisten Klänge
ja auch nicht, die da so kommen. |
| FP
- Kraftwerk war die erste Popband aller Zeiten, denen Sounds lieber waren
als Songs. |
| Ralf
Hütter - Ja, ja. Ich sag nur: Kling Klang
Studio. Songs. Schon das Wort allein. Übel. Klangkompositionen. Kling Klang
Kompositionen. Das ist richtig. Singende Autos, Züge, klingende Metalle. |
| FP
- Aber Kraftwerk hat es immer verstanden, Sounds mit Popmelodien kompatibel
zu gestalteten. Als Act kann man wohl mit Bleep und Acid-sounds wahrscheinlich
keine zwei Jahre, schon gar keine zwanzig Jahre überleben. |
| Ralf
Hütter - Wir haben viel experimentiert mit
Echoloops, Oszillatoren, angefangen mit einfachen Mitteln, das hat sich
dann aufgebaut und entwickelt. Wir haben das immer als eine Art elektronischen
Garten bezeichnet, der auch pflanzlich wirkt. Das Wort Song trifft insofern
überhaupt nicht zu, da wir immer längere, komplexere Sachen, Autobahn 20
Minuten, gemacht haben. Insofern Klangkompositionen! "Taschenrechner" kann
man drei Minuten oder 20 Minuten spielen. |
| FP
- Sagen wir Klangkompost! Je nachdem wie warm oder kalt die Oszillatoren
sind, klingen die Stücke anders. |
| Ralf
Hütter - Richtig. Feuchtigkeit. Temperatur
beeinflusst das analoge System. Wir hatten mal einen Auftritt in Indien,
1981 bei unserer letzten Tournee, da war die Luftfeuchtigkeit so hoch, daß
es die Klänge getuned hat und dann die Kontakte oxydierten. |
| FP
- Wie steht Kraftwerk zu Electronic Body Music und Industrial? |
| Ralf
Hütter - Ja, auch Aspekte, die wir immer
eingebracht haben. Elektronische Musik war per se, von Haus aus assoziiert
mit dem Gehirn. Brain- oder Mind-Music sagte man auch. Also, wir haben den
Body nicht vernachlässigt oder nicht vergessen, daß wir auch zwei Füße haben!
Eben diese Alltagsgeschichte, Industrie, Arbeit, der Körper, das war bei
uns schon immer ein Thema. Die Zweckentfremdung von Arbeitsgerät, der Rhythmuscomputer
das war bei uns alles da. Ich glaube, wir haben da ziemlich quer durchgeschlagen. |
| FP
- Aber der Unterschied zwischen Front 242, Nitzer Ebb, die sich ja permanent
auf Kraftwerk beziehen, ist unverkennbar da. |
| Ralf
Hütter - Mir kommt das so vor, als wären
die ausschließlich härter, mehr nicht. Sie sind abgehackter, marsch-mäßiger,
was sie leicht in die faschistoide Ecke rückt. |
| FP
- Hat Ralf Hütter schon was von "Biorhythms"-Platten gehört? |
| Ralf
Hütter - Ja gibt's das? So ambient-mäßig?
Hört sich interessant an. Also ich bin nicht detailliert informiert. Aber
es eröffnen sich immer neue Welten. |
| FP
- Hört sich das nicht wieder so herrlich kitschig an, als könnte man eine
persönliche Beziehung zu seinem Computer aufbauen? |
| Ralf
Hütter - Ja. Das kommt jetzt wieder so auf
die Mystik-Schiene. Interessant. Das haben doch so schlaue Leute schon geschrieben:
Die mütterlichen Qualitäten des Computers. IBM nennt sich doch auch Mother
Blue. Interessant auch, warum immer nur junge Männer am Computer sitzen.
Wo sind die jungen Frauen - in der Musik anteilsmäßig null. Wir waren auf
so Computermessen, da sieht man nur junge Männer. Acid-House, das ist doch
Musik von Männern. Techno-House, da hört man doch überhaupt nichts von Frauen.
Das ist so ähnlich wie früher mit der Gitarre. Da waren auch zuerst nur
Männer mit dem Penis-Symbol. |
| FP
- An dieser Stelle muß ich aber mal Laurie Anderson erwähnen. |
| Ralf
Hütter - Richtig. Aber das ist mehr diese
Kunst mit Computermusik. |
| FP
- Machten denn Steve Reich, Philip Glass und Konsorten auf euch einen Eindruck? |
| Ralf
Hütter - Ja. Alles interessant gewesen. Vor
Jahren schon. Der Ambient-Charakter. Bewusstseins-erweiternde Musik. Wobei
wir uns bemüht haben, das vielleicht in einen Einklang zu bringen. |
| FP
- Also Kunst in einem Einklang mit Pop, Kosmik mit Urbanem, Kopf mit Körpern,
und Computer mit Leben. |
| Ralf
Hütter - Ja. Kling Klang eben. Stücke die
ausdrücklich nur eines bringen, nur ein Element hervorheben, wie bei
Industrial oder New Age-Muzak, sind mir zu einseitig. |
| FP
- Stimmt es eigentlich, daß eine komplett fertige LP wieder eingestampft
wurde? |
| Ralf
Hütter - Nicht eingestampft, aber zurückgezogen,
Diese "Techno Pop"-LP war quasi fertig, aber wir haben sie dann neu bearbeitet.
Die fiel so in dieses Übergangsstadium von Analog-Bändern zu Digital-Technik.
Als alles umrüstete und wie verrückt Sampling einsetzte, waren wir unentschlossen,
und so hat sich das verzögert. Seit fünf Jahren gibt es nun auch bei uns
keine Tonbänder mehr. |
| FP
- Ist das auch der Grund, warum die zwei alten Kraftwerk-Roboter Wolfgang
Flür und Karl Bartos gegen den Computer-Ingenieur und Informatiker Fritz
Hilpert und Fernando Abrantes ausgetauscht wurden? |
| Ralf
Hütter - Nein! Die Trennung passierte schon
vorher. |
| FP
- Habt ihr denn eure alten Moogs, Korgs, Generatoren und Oszillatoren behalten? |
| Ralf
Hütter - Ja, natürlich. Die kosten heute
ein Vermögen. Und so gut erhaltene gibt es selten. Wir haben unsere alten
Sammlungen bewahrt. Manches davon ist museumsreif. Und daß die alten Analog-Sounds
wieder in Mode kommen, spricht dich für unser Zögern vor fünf Jahren.
Man hat uns mal als Klang-Chemiker bezeichnet, und das trifft heuten auch
noch zu. |
| FP
- Sampling hat die Popmusik verändert. Die Kraftwerk-Ideologie ist im Mainstream
aufgegangen. Gefällt euch das? |
| Ralf
Hütter - Ja. Was besseres kann einer Ideologie
doch gar nicht passieren, als daß sie wie Samen aufgeht. |
| FP
- Nur gibt es auch eine Menge Unkraut in dem elektronischen Garten, mit
dem idiotische Popstars bei Zweit oder Dritt-Verwertung Millionen verdienen.
Wie steht Kraftwerk zu Kopierern, und wie eng sieht Ralf Hütter das Copyright? |
| Ralf
Hütter - Nun, wenn es sich um selbst-erarbeitete
Sounds handelt, ist man wahrscheinlich sowieso machtlos. Vor dem Computer
sind alle gleich. Nur, wenn es sich um die Verwendung einer eindeutigen
Klangkomposition handelt, liegt die Sache anders. (Anm. d. V.: Alles was
sich da im Untergrund abspielt, bekommt der Overground - wie ich aus Ralf
Hütters Andeutungen entnehme - sowieso nicht mit. Letztendlich sind diese
ganzen anonymen Techno-Scheiben nichts weiter als Bootlegs white labels
- oder Blue-Prints der alten Kraftwerk-Ideologie). |
| FP
- Hat Kraftwerk Kontakt zu Forschungslaboren, vielleicht zu japanischen
Industrie-Robotern oder zur NASA? |
| Ralf
Hütter - Nein. Mit Raumschiffen und Weltall
haben wir weniger am Hut. Wir waren immer mehr an Autobahnen, Schreibmaschinen
oder PCs interessiert. An Dingen, die den Menschen betreffen. |
| FP
- Daraus schließe ich mal, daß ihr euch außer ins Kling Klang Studio, ziemlich
ins Private zurückgezogen habt. |
| Ralf
Hütter - Könnte man so sagen. Ich gehe schon
ab und zu aus. Montags im Ratinger Hof ist gut. Da spielen sie Techno. |
| FP
- Keiner darf Kraftwerk fotografieren. Ihr stellt euch selten den Mikrophonen
und Kameras. Hat das bewußt zum Kult von Kraftwerk beigetragen? |
| Ralf
Hütter - Kann man so nicht sagen. Erst mal
kann man uns bei unseren Live-Konzerten fotografieren. Und außerdem finden
wir, daß wir ziemlich langweilig aussehen. Da erfüllen unsere Dummies schon
ihren Zweck. |
| FP
- Was ist Ralf Hütters liebstes Geräusch? |
| Ralf
Hütter - Gute Frage. (Nach einigem Überlegen
kommt überzeugend die Antwort.) Die Stimme. |
| FP
- Höchst interessant. Die computerisierte Stimme? Die Vocoder-Stimme? |
| Ralf
Hütter - Nein! Schon die menschliche Stimme.
Es gibt wohl kein Instrument oder Synthesizer mit mehr Klangmodulationen.
|
| FP
- Alle, die in den Siebzigern über Kraftwerks Visionen lachten ("Robotnik",
"Mensch Maschine" u.s.w.), sind heute angesichts der Charts eines besseren
belehrt. Heißt das nicht auch, daß Kraftwerk seine Mission erfüllt hat? |
| Ralf
Hütter - Sollen wir deshalb jetzt sterben? |
| FP
- Lieder wie "Radioactivity", "Robots" und "Computerwelt" waren eine Hommage
an die Zeit und eine Gesellschaftskritik. Wie sieht das Ganze heute, 12
Jahre später aus? |
| Ralf
Hütter - Das hat natürlich heute genauso
Gültigkeit, ist nur ein paar Dimensionen größer, damit komplizierter geworden.
Das Ganze ist ein Prozess. Ich habe neulich bei "Wetten, dass..." diesen
TED gesehen und dachte nur - phantastisch. Radioaktivität. Industrieroboter
und so was ist heute allgegenwärtig, eine Kritik scheint da schon veraltet
zu sein. Wir haben das immer wertfrei gesehen. |
| FP
- Seid Ihr trotz der retrogessiven Geste mit "The Mix" nach wie vor eine
vorwärtsschauende Band? Und als abschließende Frage: Was verspricht die
Zukunft? Die unrealistischen Möglichkeiten in der Zukunft - wie wird Kraftwerk
sie nutzen? |
| Ralf
Hütter - Erste Frage: Ja! Absolut! Zweite
Frage: Für mich ist das ein offenes System. Es fängt gerade erst an.
Und schließlich existieren wir ja als Daten. Selbst wenn wir tot sind, existieren
unsere Daten weiter. |
| FP
- Das wird ungefähr in 40 Jahren (Ralf Hütter erfreut sich bester Gesundheit)
sein, und dann wird die Technik soweit sein, daß Ralf Hütter als Roboter
ewig existiert. Wenn er das nicht sowieso tut. Wir danken Ralf Hütter für
die Daten. |
 |
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