Frontpage Magazine - Ralf Hütter - 1991
(German version)
FP - Zehn Jahre ist es her, daß Kraftwerk auf der Bühne stand. Seid ihr heiß, erwartungsvoll?
Ralf Hütter - Ja! Absolut! Wir hatten zwar zwischendurch Projekte gemacht, in New York zum Beispiel - doch all das fand eher auf der studiotechnischen Ebene statt. Eigentlich ist jetzt erst des Equipment auf dem Status, daß wir damit reisen uns die Musik live spielen können, ohne Abstriche zu machen. Wir wollen nicht nur technisch spielen, das heißt reproduzieren, sondern such improvisieren. Eben ein richtiges Konzert geben...
FP - Marionetten mit Playbacks gibt's ja auch genug. Trotzdem habt ihr wieder eure Dummies dabei...
Ralf Hütter - Ja, aber neu designte.
FP - Waren eure Auftritte in Italien im Mai 1990 so was wie ein Warm Up?
Ralf Hütter - Genau.
FP - Warum gerade Italien?
Ralf Hütter - Wir wollten an die traditionellen Stätten der futuristischen Musik zurückkehren, nach Bologna, nach Padua. "The Art of Noise" ist in der Gegend von Leuten wie Roussollo begründet worden.
FP - Die Spielorgel ist meines Wissens dort auch erfunden worden. Und das war sozusagen die Urform des Musikcomputers?
Ralf Hütter - Ja, könnte man sagen. Mozart, Bach waren zu ihrer Zeit ja total fasziniert davon. Die meisten Leute sagen zwar immer, das wäre Kinderkram, aber das ist es nicht. Fast alle großen Komponisten waren wahnsinnig fasziniert davon, auch von maschinisierten Menschen. Die haben ja alle, besonders Mozart Stücke für die Spielorgel geschrieben.
FP - Interessant, daß das eine Motivation war, nach Italien zu gehen...
Ralf Hütter - Ja, auch. Die haben zudem ein begeisterungsfähiges House-Publikum.
FP - Warum erscheinen die Kraftwerk-Mixes erst oder gerade jetzt?
Ralf Hütter - Ja, jetzt waren wir fertig. Du mußt den Begriff Mix eher als Prozess sehen, eben als updated version. Wie die Musik eben so neu aufbereitet wird. "The Mix" ist quasi wie ein Live-Album. Wenn wir 'ne Rockband wären, hieße das "live", weil wir 'ne Electroband sind, heißt das Mix.
FP - Wäre doch eine irre Idee gewesen, das Album "Kraftwerk Live" zu nennen, dann hätten viele gestutzt: "Ah, das ist doch nicht live".
Ralf Hütter - Ja, aber wir wollen es den Leuten nicht schwer machen. Das kapiert dann wieder keiner. Außerdem drückt das Wort "Mix" besser aus, was wir "live" bieten: Klangquellen werden gemixt. Computer werden synchronisiert, Bilder, Computergrafiken hinzuaddiert. Das ganze "live" mit vier großen Mixern. Jetzt machen wir schon wieder neue Mixe in London und New York. Live gibt's die dann als Extended Versions. In Detroit länger als in Leverkusen.
FP - Hast du große Erwertungen an Detroit?
Ralf Hütter - Nein, ich hab das nur so gesagt. Früher war das eine Stadt, die mit Soul in Verbindung gebracht wurde, heute - vielleicht durch uns - ist das eine Techno-Hochburg.
FP - Es gibt mittlerweile so viele verschiedene Techno-Hochburgen: Frankfurt, Detroit, Chicago, Sheffield, Belgien...
Ralf Hütter - Ja, das haben wir immer gesagt, daß Computermusik eine lebendige Musik ist. Früher wurden wir immer kritisiert: kalt, langweilig, stur, starr, auch deutsch. Da empfindet man Genugtuung, daß eine Soul-Hochburg wie Detroit auch Techno-Hochburg sein kann. Wir haben das immer vorhergesehen. Auch, daß schwarze Soulmusik technizide Züge tragen kann.
FP - Die Black Community in Amerika war eigentlich eure erste richtig große Fangemeinde, die euch nachhaltig den Kultstatus gab, den ihr verdient habt. Fast jeder Hip Hop Fan, Funk Break, ob das nun Michael Jonzun war oder Afrika Bambaataa, beruft sich auf Kraftwerk. Wie erklärst du dir das?
Ralf Hütter - Das müßte man die Schwarzen fragen, was sie an unserer Musik so fasziniert. Vielleicht ist es der Futurismus.
FP - Den Schwarzen schreibt man ja mehr Körperbetontheit, mehr "Seele" zu, den Weißen hingegen, vor allen den Mitteleuropäern, eher die Errungenschaften des Geistes wie auch den Computer.
Ralf Hütter - Ich glaube, die Schwarzen sind sehr stark von der Maschinenseele fasziniert. Und umgekehrt, zumindest derzeit sind die Weißen an schwarzer Rhythmik interessiert. Schwarze sind, wenn sie intellektuell sind, nicht so sperrig. Weiß auch nicht, warum.
FP - Schwarze Musik ist auf jeden Fall kompatibel zu Kraftwerk. Das gilt allerdings kaum für Yellow Magic Orchestra, Tangerine Dream oder Industrial. Zu der Musik von diesen Bands gesellen sich - sagen wir - für die schwarze Seele negative Wesensfremdheiten, gennat New Age, oder aggressive, zerstörerische Industriesounds. Was hat Kraftwerk, was YMO, Yello, Throbbing Gristle nicht haben?
Ralf Hütter - Unsere Musik ist erst mal dynamischer. Vielleicht so funkig wie ein Computer sein kann. Zum anderen ist sie einfacher und poppiger, leichter verständlich. So wie Computersprache eine einfache Sprache ist. Außerdem glaube ich, daß wir eine positive Vision ausstrahlen.
FP - In wie weit haben denn Kraftwerk ihre Musik damals als Tanzmusik begriffen? War zu Zeiten von "Autobahn" denn Danceability gewollt?
Ralf Hütter - Vielleicht waren wir zu Zeiten von "Ralf & Florian" mehr noch von Geräuschen fasziniert, aber bei "Autobahn", da steckt doch schon im Wort Bewegung drin. Eigentlich war alle Musik immer zum Tanzen. Nur hat sich die ganze Rockmusik vor dem elektronischen Instrumentarium gesperrt hat. Die hatten ihre Holz- und Fellinstrumente, und wollten von Synthesizern nichts wissen. Erst die Discomusik stand dem wieder offen gegenüber. Es gar allerdings früher schon so einen Begriff wie Eurodisco. In unseren Texten kam Tanzen allerdings schon immer zum Ausdruck. Zum Beispiel in solchen Worten wie "Mechanik". Wir haben unsere Stücke selten nur auf Atmosphäre aufgebaut.
FP - Das unterscheidet euch stark von solchen Gruppen wie Tangerine Dream, die meditativen oder kosmischen Charakter haben.
Ralf Hütter - Ja. Wir waren immer ziemlich urban. Und auch mit diesen urbanen Themen: Autobahn, Schaufensterpuppen... Uns interessieren nach wie vor stärker die gesellschaftlichen wie technischen Phänomene. Wir haben uns immer mehr für Musik interessiert, die in direktem Zusammenhang mit dem Menschen steht. Authentische Musik oder Weltmusik, eben auch die schwarze Musik. Uns das war auch unsere Aufgabe , mit Phantasie mitzuwirken, einen Klang der BRD zu erzeugen.
FP - Ist das ein Grund, warum Kraftwerk weder ein Statement in Form einer Platte zu Acid oder Ambient - House gemacht hat?
Ralf Hütter - Könnte man sagen.
FP - Ist denn Kraftwerk heute im globalen Dorf noch irgendwo deutsch?
Ralf Hütter - Kulturell würde ich sagen: Ja. Unsere Musik wäre anders, wenn wir aus Kanada oder Italien kämen. Das ist halt der Sound aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet - das würde ich schon so sehen. Wobei natürlich heute in weltweiten Kommunikationssystemen dieses "elektronische Ding" immer mehr zu einer Weltmusik verschmilzt. Das haben wir ja mit Trans Europa Express schon zum Ausdruck gebracht. Deshalb wird diese Musik auch überall verstanden.
FP - Wie sehen Kraftwerk die britischen Bleep Sounds und Clonks im Vergleich zu ihren eigenen Sachen?
Ralf Hütter - Gerade erst hat jemand zu mir gesagt, "Numbers" sei die erste Bleep-Platte. Also ist "Taschenrechner" die erste Bleep-Musik, oder?
FP - Ihr habt eine revolutionäre und gleichzeitig langatmige technologische Entwicklung mitgebracht, monatelang an Oszilliatoren und Widerständen gebastelt. Findet ihr erst jetzt gemein, wenn ein Sample-Kid innerhalb von wenigen Stunden eine solche Platte fabriziert?
Ralf Hütter - Nein, das finde ich gut. Wenn ich das nicht gut fände, hieße das ja Rückschritt oder Stillstand.
FP - Ist die Musik aus technologischer Sicht auf dem heutigen Stand ausgereizt? Wo können noch technische Neuerungen möglich sein?
Ralf Hütter - Wir mußten früher die Klänge immer stundenlang einstellen, drehen, und denn gingen die immer wieder weg. So was hat heute wieder seinen Reiz. Der analoge Synthesizer ist nicht aus dem Rennen. Ganz im Gegenteil, wir benutzen nach wie vor mehr analoge Sounds als digitale Samples. Wir haben uns in den letzten fünf Jahren vorrangig ein System geschaffen, das beides miteinander verbindet. Wir haben zu "Electric Cafe" erstmals digital gearbeitet und sind nun in der Lage, live in das digitale System einzugreifen.
FP - Es ist ja leicht, heute so was einzuspeichern, und dann rattert das runter. Da ist man schnell versucht zu sagen: diese Musik ist dem Ende nahe.
Ralf Hütter - Es gibt viel Müll in der elektronischen Musik. Das gab's immer. Der Anteil war früher genau so hoch wie heute. Das ist ein Naturgesetz.
FP - Also ist der Computer daran nicht schuld?
Ralf Hütter - Man kann nicht denken, wenn man das Instrumentarium verändert, daß sich die Musik automatisch verbessert. Das wäre Materalismus in Reinkultur.
FP - Also gilt der Kraftwerk'sche Satz: Es wird immer weitergehen, Musik als Träger von Ideen? Widerspricht dem nicht der Mix?
Ralf Hütter - Dieser Prozess des Neuzusammensetzen ist bei uns Gegenstand unserer Platte.
FP - Aber Millionen Kraftwerk-Fans warten auf eine neue Platte.
Ralf Hütter - Ja, die kommt ja auch. Nach der Tournee. Wir konnten ja keine Tour machen ohne Platte, dann schneiden sie alle mit DAT-Recordern mit, und wir haben hundert Bootlegs. "The Mix" ist lediglich ein Dokument unserer Arbeit - so ähnlich spielen wir das - und warum nicht 'ne Platte davon schneiden?
FP - Also sind die vier Kraftwerker quasi live MIDI-DJs?
Ralf Hütter - Absolut. Die LP ist ein Photoprint unserer Arbeit. Wir spielen mit Studio-Equipment, Kling Klang Studio live - nur die Samples sind nicht von Derrick May, Kevin Saunderson runtergeholt, sondern aus dem Kraftwerk-Archiv.
FP - Seid ihr denn technologisch wie Sound-ästhetisch auf dem neuesten Stand?
Ralf Hütter - Ja, das möchte ich doch annehmen.
FP - Aber ihr kauft euch keine Platten?
Ralf Hütter - (äußerst zögernd) Manche Platten kaufen wir uns auch. (Anm. des Verfassers: Im Grunde genommen registrieren Kraftwerk nur am Rande, was so läuft.) So genial sind die meisten Klänge ja auch nicht, die da so kommen.
FP - Kraftwerk war die erste Popband aller Zeiten, denen Sounds lieber waren als Songs.
Ralf Hütter - Ja, ja. Ich sag nur: Kling Klang Studio. Songs. Schon das Wort allein. Übel. Klangkompositionen. Kling Klang Kompositionen. Das ist richtig. Singende Autos, Züge, klingende Metalle.
FP - Aber Kraftwerk hat es immer verstanden, Sounds mit Popmelodien kompatibel zu gestalteten. Als Act kann man wohl mit Bleep und Acid-sounds wahrscheinlich keine zwei Jahre, schon gar keine zwanzig Jahre überleben.
Ralf Hütter - Wir haben viel experimentiert mit Echoloops, Oszillatoren, angefangen mit einfachen Mitteln, das hat sich dann aufgebaut und entwickelt. Wir haben das immer als eine Art elektronischen Garten bezeichnet, der auch pflanzlich wirkt. Das Wort Song trifft insofern überhaupt nicht zu, da wir immer längere, komplexere Sachen, Autobahn 20 Minuten, gemacht haben. Insofern Klangkompositionen! "Taschenrechner" kann man drei Minuten oder 20 Minuten spielen.
FP - Sagen wir Klangkompost! Je nachdem wie warm oder kalt die Oszillatoren sind, klingen die Stücke anders.
Ralf Hütter - Richtig. Feuchtigkeit. Temperatur beeinflusst das analoge System. Wir hatten mal einen Auftritt in Indien, 1981 bei unserer letzten Tournee, da war die Luftfeuchtigkeit so hoch, daß es die Klänge getuned hat und dann die Kontakte oxydierten.
FP - Wie steht Kraftwerk zu Electronic Body Music und Industrial?
Ralf Hütter - Ja, auch Aspekte, die wir immer eingebracht haben. Elektronische Musik war per se, von Haus aus assoziiert mit dem Gehirn. Brain- oder Mind-Music sagte man auch. Also, wir haben den Body nicht vernachlässigt oder nicht vergessen, daß wir auch zwei Füße haben! Eben diese Alltagsgeschichte, Industrie, Arbeit, der Körper, das war bei uns schon immer ein Thema. Die Zweckentfremdung von Arbeitsgerät, der Rhythmuscomputer das war bei uns alles da. Ich glaube, wir haben da ziemlich quer durchgeschlagen.
FP - Aber der Unterschied zwischen Front 242, Nitzer Ebb, die sich ja permanent auf Kraftwerk beziehen, ist unverkennbar da.
Ralf Hütter - Mir kommt das so vor, als wären die ausschließlich härter, mehr nicht. Sie sind abgehackter, marsch-mäßiger, was sie leicht in die faschistoide Ecke rückt.
FP - Hat Ralf Hütter schon was von "Biorhythms"-Platten gehört?
Ralf Hütter - Ja gibt's das? So ambient-mäßig? Hört sich interessant an. Also ich bin nicht detailliert informiert. Aber es eröffnen sich immer neue Welten.
FP - Hört sich das nicht wieder so herrlich kitschig an, als könnte man eine persönliche Beziehung zu seinem Computer aufbauen?
Ralf Hütter - Ja. Das kommt jetzt wieder so auf die Mystik-Schiene. Interessant. Das haben doch so schlaue Leute schon geschrieben: Die mütterlichen Qualitäten des Computers. IBM nennt sich doch auch Mother Blue. Interessant auch, warum immer nur junge Männer am Computer sitzen. Wo sind die jungen Frauen - in der Musik anteilsmäßig null. Wir waren auf so Computermessen, da sieht man nur junge Männer. Acid-House, das ist doch Musik von Männern. Techno-House, da hört man doch überhaupt nichts von Frauen. Das ist so ähnlich wie früher mit der Gitarre. Da waren auch zuerst nur Männer mit dem Penis-Symbol.
FP - An dieser Stelle muß ich aber mal Laurie Anderson erwähnen.
Ralf Hütter - Richtig. Aber das ist mehr diese Kunst mit Computermusik.
FP - Machten denn Steve Reich, Philip Glass und Konsorten auf euch einen Eindruck?
Ralf Hütter - Ja. Alles interessant gewesen. Vor Jahren schon. Der Ambient-Charakter. Bewusstseins-erweiternde Musik. Wobei wir uns bemüht haben, das vielleicht in einen Einklang zu bringen.
FP - Also Kunst in einem Einklang mit Pop, Kosmik mit Urbanem, Kopf mit Körpern, und Computer mit Leben.
Ralf Hütter - Ja. Kling Klang eben. Stücke die ausdrücklich nur eines bringen, nur ein Element hervorheben, wie bei Industrial oder New Age-Muzak, sind mir zu einseitig.
FP - Stimmt es eigentlich, daß eine komplett fertige LP wieder eingestampft wurde?
Ralf Hütter - Nicht eingestampft, aber zurückgezogen, Diese "Techno Pop"-LP war quasi fertig, aber wir haben sie dann neu bearbeitet. Die fiel so in dieses Übergangsstadium von Analog-Bändern zu Digital-Technik. Als alles umrüstete und wie verrückt Sampling einsetzte, waren wir unentschlossen, und so hat sich das verzögert. Seit fünf Jahren gibt es nun auch bei uns keine Tonbänder mehr.
FP - Ist das auch der Grund, warum die zwei alten Kraftwerk-Roboter Wolfgang Flür und Karl Bartos gegen den Computer-Ingenieur und Informatiker Fritz Hilpert und Fernando Abrantes ausgetauscht wurden?
Ralf Hütter - Nein! Die Trennung passierte schon vorher.
FP - Habt ihr denn eure alten Moogs, Korgs, Generatoren und Oszillatoren behalten?
Ralf Hütter - Ja, natürlich. Die kosten heute ein Vermögen. Und so gut erhaltene gibt es selten. Wir haben unsere alten Sammlungen bewahrt. Manches davon ist museumsreif. Und daß die alten Analog-Sounds wieder in Mode kommen, spricht dich für unser Zögern vor fünf Jahren. Man hat uns mal als Klang-Chemiker bezeichnet, und das trifft heuten auch noch zu.
FP - Sampling hat die Popmusik verändert. Die Kraftwerk-Ideologie ist im Mainstream aufgegangen. Gefällt euch das?
Ralf Hütter - Ja. Was besseres kann einer Ideologie doch gar nicht passieren, als daß sie wie Samen aufgeht.
FP - Nur gibt es auch eine Menge Unkraut in dem elektronischen Garten, mit dem idiotische Popstars bei Zweit oder Dritt-Verwertung Millionen verdienen. Wie steht Kraftwerk zu Kopierern, und wie eng sieht Ralf Hütter das Copyright?
Ralf Hütter - Nun, wenn es sich um selbst-erarbeitete Sounds handelt, ist man wahrscheinlich sowieso machtlos. Vor dem Computer sind alle gleich. Nur, wenn es sich um die Verwendung einer eindeutigen Klangkomposition handelt, liegt die Sache anders. (Anm. d. V.: Alles was sich da im Untergrund abspielt, bekommt der Overground - wie ich aus Ralf Hütters Andeutungen entnehme - sowieso nicht mit. Letztendlich sind diese ganzen anonymen Techno-Scheiben nichts weiter als Bootlegs white labels - oder Blue-Prints der alten Kraftwerk-Ideologie).
FP - Hat Kraftwerk Kontakt zu Forschungslaboren, vielleicht zu japanischen Industrie-Robotern oder zur NASA?
Ralf Hütter - Nein. Mit Raumschiffen und Weltall haben wir weniger am Hut. Wir waren immer mehr an Autobahnen, Schreibmaschinen oder PCs interessiert. An Dingen, die den Menschen betreffen.
FP - Daraus schließe ich mal, daß ihr euch außer ins Kling Klang Studio, ziemlich ins Private zurückgezogen habt.
Ralf Hütter - Könnte man so sagen. Ich gehe schon ab und zu aus. Montags im Ratinger Hof ist gut. Da spielen sie Techno.
FP - Keiner darf Kraftwerk fotografieren. Ihr stellt euch selten den Mikrophonen und Kameras. Hat das bewußt zum Kult von Kraftwerk beigetragen?
Ralf Hütter - Kann man so nicht sagen. Erst mal kann man uns bei unseren Live-Konzerten fotografieren. Und außerdem finden wir, daß wir ziemlich langweilig aussehen. Da erfüllen unsere Dummies schon ihren Zweck.
FP - Was ist Ralf Hütters liebstes Geräusch?
Ralf Hütter - Gute Frage. (Nach einigem Überlegen kommt überzeugend die Antwort.) Die Stimme.
FP - Höchst interessant. Die computerisierte Stimme? Die Vocoder-Stimme?
Ralf Hütter - Nein! Schon die menschliche Stimme. Es gibt wohl kein Instrument oder Synthesizer mit mehr Klangmodulationen.
FP - Alle, die in den Siebzigern über Kraftwerks Visionen lachten ("Robotnik", "Mensch Maschine" u.s.w.), sind heute angesichts der Charts eines besseren belehrt. Heißt das nicht auch, daß Kraftwerk seine Mission erfüllt hat?
Ralf Hütter - Sollen wir deshalb jetzt sterben?
FP - Lieder wie "Radioactivity", "Robots" und "Computerwelt" waren eine Hommage an die Zeit und eine Gesellschaftskritik. Wie sieht das Ganze heute, 12 Jahre später aus?
Ralf Hütter - Das hat natürlich heute genauso Gültigkeit, ist nur ein paar Dimensionen größer, damit komplizierter geworden. Das Ganze ist ein Prozess. Ich habe neulich bei "Wetten, dass..." diesen TED gesehen und dachte nur - phantastisch. Radioaktivität. Industrieroboter und so was ist heute allgegenwärtig, eine Kritik scheint da schon veraltet zu sein. Wir haben das immer wertfrei gesehen.
FP - Seid Ihr trotz der retrogessiven Geste mit "The Mix" nach wie vor eine vorwärtsschauende Band? Und als abschließende Frage: Was verspricht die Zukunft? Die unrealistischen Möglichkeiten in der Zukunft - wie wird Kraftwerk sie nutzen?
Ralf Hütter - Erste Frage: Ja! Absolut! Zweite Frage: Für mich ist das ein offenes System. Es fängt gerade erst an. Und schließlich existieren wir ja als Daten. Selbst wenn wir tot sind, existieren unsere Daten weiter.
FP - Das wird ungefähr in 40 Jahren (Ralf Hütter erfreut sich bester Gesundheit) sein, und dann wird die Technik soweit sein, daß Ralf Hütter als Roboter ewig existiert. Wenn er das nicht sowieso tut. Wir danken Ralf Hütter für die Daten.


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Updated: November 25, 2007